Den letzten Obon meiner Zeit in Japan wollte ich dazu nutzen, um die südlich meiner Wohngegend gelegene Insel Shikoku zu erkunden. Obon ist ein religiöses Fest, das Mitte August stattfindet. Den meisten Firmen dient dieses Fest als Anlass um den Angestellten Urlaub zu geben, den diese dann benutzen um Reisen innerhalb Japans oder auch ins Ausland zu unternehmen. Shikoku ist die kleinste der 4 Hauptinseln. Sie ist weniger industrialisiert, die Hauptbeschäftigung der Einwohner ist der Fischfang und auch der Walfang, der in jüngerer Zeit zum Großteil nicht mehr mit der Harpune, sondern mit Touristen und Fotoapparat durchgeführt wird. Ansonsten ist Shikoku, das in 4 Präfekturen gegliedert ist berühmt für den höchsten Berg Westjapans, den von mir bereits bezwungenen Ishizuchisan, den letzten naturbelassenen Fluß Japans, den Shimantogawa sowie für eine Vielzahl an kulinarischen Spezialitäten, deren Grundprodukte zum Großteil aus rohem Fisch bestehen.
Mein erstes Etappenziel war Kochi, Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur an der Südseite der Insel, bekannt für seine Burg und als ehemaliges Zentrum der Samuraizeit. Auf dem Weg dorthin passierte ich wieder einmal die vielen Brücken des Seto Inlandsea Expressway, und fuhr danach mitten durch die Berge Shikokus nach Süden. In der Nähe von Kochi angekommen versorgte ich mich in einem 24 Stunden geöffneten Convinient Store mit Nahrung und Getränken, um mich danach mein Zelt neben einem kleinen Bach aufzuschlagen. Die Tatsache, daß dies möglich war, läßt darauf schließen, dass diese Gegend Japans nicht so dicht besiedelt und industrialisiert ist, wie man üblicherweise annimmt.
Am nächsten Morgen wurde ich durch Vogelgezwitscher geweckt und machte mich nach dem Zusammenpacken auf den Weg ins Zentrum von Kochi, um Akiko, eine Studentin der Hiroshima University, die mit einer Freundin ebenfalls in der Gegend war, zu treffen. Nachdem wir uns gefunden und ein reichhaltiges Frühstück eingenommen hatten, begaben wir uns zur Burg von Kochi, um selbige zu besichtigen. Die Burg wurde relativ spät erbaut und hat auch nie Kampfhandlungen erlebt. Trotzdem, oder eigentlich deswegen ist sie noch fast im Originalzustand und sehr sehenswert. Nach dem Besuch der Burg begaben wir uns wieder in die Innenstadt um das Mittagessen einzunehmen.
Natürlich kosteten wir von den örtlichen Spezialitäten. Wir assen Katsuo (das ist der Name des Fisches) no tataki, eine Speise für die Kochi sehr berühmt ist. Es handelt sich dabei sowohl um eine Augenweide, als auch um eine Gaumenfreude, da der rohe Fisch (Sashimi) sehr appetitlich angerichtet ist. Nach dem Essen kam das, was mit Frauen immer unvermeidlich ist - Einkaufen...
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Am Nachmittag fuhren wir dann entlang der Pazifikküste in Richtung Südwesten, zum Kap Ashizuri. Dort ist der südlichste Punkt Shikokus und bei etwas rauherer See wird eine sehr eindrucksvolle Kulisse geboten. Am Eingang zum Kap steht die Statue von John Manjiro. Dieser Herr ist im 19. Jahrhundert nach einem Sturm als Schiffbrüchiger von einem amerikanischen Walfangschiff aufgenommen und nach Amerika gebracht wurde, wo er englisch lernte. Später war er einer der wichtigsten Ratgeber in der Zeit der Meiji Restauration. Da die beiden Mädchen bereits am nächsten Tag wieder in Hiroshima sein mußten, fuhren wir ein Stück zurück, bis wir zu einem Ort mit Bahnanschluß kamen.
So kam es also, dass ich am nächsten Tag wieder an der Südküste von Shikoku Richtung Kap Ashizuri fuhr, nachdem ich mir zuvor den Tempel des Ortes an- und einigen Pilgern beim Beten zugesehen hatte. Auf der Insel Shikoku gibt es eine Pilgerroute, die von vielen Japanern zu Fuß absolviert wird. Dabei werden insgesamt 88 Tempel numeriert, und mit der üblichen japanischen Gründlichkeit, kann man auf Landkarten neben dem Namen des Tempels immer auch die entsprechende Nummer erkennen. Eigentlich ist der Weg zu Fuß zu absolvieren, doch wird er heutzutage bedingt durch den Zeitmangel, den man als japanischer Bürger so hat auch mit dem Autobus oder in mehreren Urlaubstagen etappenweise absolviert. Selbst begegnete ich einigen Pilgern, die die paar freien Tage nutzten, um auf ihrem Pilgerweg wieder ein paar Tempel mehr dazuzufügen. Neben vielen Tempeln gibt es dann auch Geschäfte, wo man neben den üblichen Tempelsouveniers auch die notwendigen Pilgerutensilien erwerben kann.
Der Grund warum sich die Pilger den mühevollen Weg antun, wurde mir von einer japanischen Freundin erklärt. Shikoku ist eine der buddhistisch geweihten Stätten Japans. Die Pilger besuchen auf ihrem Weg 88 Tempel und legen dabei 1200 km zu Fuß (oder mit dem Bus) zurück. Auf dem Weg erfährt man Freuden und Leiden, man trifft Leute und muß sich wieder von ihnen trennen. Somit ist die Pilgerreise mit dem wirklichen Leben zu vergleichen. Wenn die Pilger die 1200 km zurücklegen, können sie tief über ihr Leben nachdenken und ihren Geist schärfen. Danke Miwo!
Unterwegs hielt ich in einem kleinen Fischerort an, um zu versuchen an einer Walbeobachtungstour teilzunehmen. Leider machten mir die ehemaligen Walfänger, die jetzt von Touristen und Subventionen leben, klar, dass das Meer zu wild sei, und man deswegen nicht ausfahren könne. Aus diesem Grunde fuhr ich weiter, um wenig später an einer erhöhten Stelle mit einem schönen Meeresblick eine kleine Pause einzulegen. Das Ergebnis dieser Pause war ein zerstörter Fotoapparat und ein zerstörtes Mobiltelefon, da das Meer an diesem Tag wirklich wild war und beide Geräte sich als nicht salzwasserresistent erwiesen.
Da ich aber ohnedies gerade im Entscheidungsprozess war, einen neuen Fotoapparat zu kaufen, nahm ich diesen Wink des Schicksals (möglicherweise ein Fingerzeig des Gottes vom letzten Tempel?) und erwarb in Nakamura (der Name bedeutet 'Dorf in der Mitte'), dem Hauptort der Gegend, einen neuen Fotoapparat, wobei ich ein Modell wählte, mit dem ich meine alten Objektive verwenden konnte. Den Rest dieses Samstags verbrachte ich damit in der Gegend von Kap Ashizuri herumzuwandern, den dortigen Tempel (einige Nummern höher als der vom Morgen) zu besichtigen und geduldig abzuwarten, bis einer der von einer Vielzahl von Japanern begehrten Plätze zum Aufnehmen des wilden Meeres frei wurde, um unter einem diesmal ausreichenden Sicherheitsabstand noch einige Fotos mehr zu schießen.
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Nachdem auch dieser Tag begann, sich langsam seinem Ende zuzuneigen, begab ich mich entlang der Küstenstraße weiter in Richtung Westen, um einen Campingplatz zu finden, wo ich mein Zelt aufschlagen konnte. Beim Passieren eines Dorfes registrierte ich, dass es auch in Japan durchaus noch Leute gibt, die Zeit haben am Abend gemütlich in der untergehenden Sonne zu sitzen und sich zu unterhalten, ohne durch irgendwelche Verpflichtungen gehetzt zu sein. Diese Szene würde eigentlich nirgends auf der Welt überraschen, jedoch widerspricht es gerade in Japan dem typischen Klischeebild, das man im Westen von diesem Land hat. Schließlich erreichte ich den kleinen Ort Tsuma Jiro, der sich eigentlich nur dadurch auszeichnet, dass er einen hervorragenden Campingplatz aufweist, wo man sein Zelt für 300 Yen pro Person aufschlagen kann. Den Abend verbrachte ich dann damit mit zwei japanischen Ärzten aus Sendai, die mich an ihr Feuer eingeladen hatten, zu kommunizieren und deren Bier zu trinken. Die beiden nutzten die wenigen Urlaubstage um mit dem Motorrad ein paar tausend Kilometer durch Japan zu fahren.
Auch für mich kam der Zeitpunkt, wo ich aus der mehr oder weniger unberührten Natur zurück nach Hiroshima fahren mußte. Dazu wählte ich einen Weg, der mich quer durch die Wildnis führte, was darin resultierte, dass ich mich natürlich verfuhr, und erst mit Hilfe eines Pilgers, der die eigenartigen Wegweiser, die keiner bis dato bekannten japanischen Norm entsprachen, lesen konnte und mich damit wieder auf den richtigen Weg brachte. Ich fuhr entlang des Shimanto Flußes, der der einzige natürlich belassene Fluß in ganz Japan ist, und nutzte außerdem die Gelegenheit zu einem erfrischenden Bad im Süßwasser.
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