November 2001
Konichiwa!
Es gibt einen neuen Rekord: Leider wird auf Grund meiner vielen Arbeit, wenigen Freizeit etc. der Zeitabstand zwischen den Japanbriefen immer größer. Hin und wieder denke ich aber daran zu schreiben und gerade heute ist ein guter Tag einen solchen Gedanken in die Tat umzusetzen.
Nachdem ich heute in der Früh meine einstweiligen Forschungsergebnise einer interessierten Öffentlichkeit präsentiert hatte, fiel mir ein, daß ich über meinen Besuch in Osaka und die dort erfolgte Konferenz vor genau einem Jahr noch gar nichts geschrieben habe. Es erfolgt also ein kleiner Nachtrag: Mitte November reisten einige Kollegen und meinereiner nach Osaka um einer interessierten Öffentlichkeit unsere Forschungsergebnise, die wir vorher schon als paper veröffentlicht hatten zu präsentieren. Die Tagung fand in einem Hotel in der Nähe des Hafens statt. Da wir mit diversen japanischen Professoren unterwegs waren, hatten wir auch keine Probleme uns zurecht zu finden und zeitgerecht im Hotel einzutreffen. Da die meisten Präsentationen auf japanisch stattfanden, vertrieben wir uns mit den Kollegen die Zeit mit Gesprächen und Kaffee trinken. Schließlich kam der Augenblick und ich durfte einer interessierten japanischen Zuhörerschaft mein Paper über ein Korrosionsfortschrittsmodell bei Schiffen auf englisch präsentieren. Einer der Zuhörer hatte auch eine Frage als ich fertig war. Allerdings entschied der Chairman, daß es möglicherweise besser ist, wenn die Diskusion auf japanisch geführt wird, und so musste mein Professer an meiner Stelle die Diskussion abwickeln, während ich huldvoll lächelnd und kein Wort verstehend draussen stand und wartete, bis die 10 Minuten Diskussionszeit vorbei waren. Danach gab es weitere Vorträge auf japanisch und am Abend ein japanisches Buffet. Dieses war der Höhepunkt und gemeinsam mit Piefke genossen wir das japanische Essen. Der einzige Nachteil an der Party war ein eklatanter Frauenmangel, aber das ist etwas, mit dem man als Ingenieur bei derartigen Veranstaltungen wohl leben muss.
Am späteren Abend fuhren wir ins Zentrum von Osaka um zu versuchen ein wenig das Nachtleben zu geniessen. Leider kannten wir uns nicht so gut aus und konnten ein Lokal, wo man einfach gemütlich ein Bier trinken konnte, nicht finden. So bummelten wir zwischen Pachinkobuden, Love Hotels und amerikanischen Restaurantketten auf der Suche nach einem Lokal, wo man ein klasses Bier trinken kann herum, ohne fündig zu werden. Wir bekamen diverse Angebote von käuflichen Japanerinnen auf Englisch, was uns zeigte, dass im Gegensatz zu Hiroshima viel mehr Ausländer in dieer Stadt verkehren dürften. Da aber auch in Osaka die öffentlichen Verkehrsmitteln irgendwann den selbigen einstellen und unser Hotel ein wenig ausserhalb gelegen war, mussten wir irgendwann die Rückfahrt antreten. Anstelle des Bieres im Lokal kauften wir Bier aus einem Automaten und stiessen mit diesem auf meinen Geburtstag an.
Am nächsten Tag besichtigten wir bei sehr regnerischem trüben Herbstwetter das Osaka Riesenrad und die berühmte Burg von Osaka. Da am selben Tag bei einigen Schulen offensichtlich ein Ausflug zur Burg angesagt war, wimmelte es nur so von Schulmädchen und -knaben in Uniformen. Wir erkannten außerdem, dass man als Ausländer bei japanischen Schulmächen als Fotomotiv sehr beliebt ist und mussten uns alle paar Minuten mit ein paar Mädchen fotografieren lassen. Ausserdem erfuhren wir einiges über die Entstehung der Burg sowie über politische Geschehnisse und Kriege des japanischen Mittelalters.
Das nächste was ich erzählen möchte ist ein weiterer Ausflug auf die Insel Toyoshima mit dem Zweck Mandarinen zu ernten. Ein Mitglied der Gansu Wandergruppe besitzt ausgedehnte Mandarinen und Zitronenplantagen auf dieser Insel. Im Februar, wenn die Mandarinen reif sind ladet er dann die Gruppe ein, um als freiwillige Erntehelfer die Mandarinen zu pflücken und selbige auch in rauhen Mengen mit nach Hause zu schleppen. Da man Mandarinen nicht so wie Äpfel vom Baum abreissen kann besorgten Marcus und ich uns am Vortag eine spezielle Mandarinenschere. Mit dieser war das Abschneiden der Früchte bei strahlend blauem Himmel ein wahres Vergnügen. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir gemeinsam mit einer grossen Anzahl japanischer Freunde die zur Ernte freigegebenen Bäume abgeerntet, unzählige Transportkisten mit Mandarinen voll- und auch unsere selbst mitgebrachten Transportbehältnisse (die größten Plasticksäcke die wir finden konnten) angefüllt. Außerdem hatten wir natürlich bereits während der Ernte ausgiebig die Mandarinen gekostet. Der Geschmack einer bis zur Reife am Baum verbliebenen Mandarine ist demjenigen der Früchte, die bei uns im Supermarkt angeboten werden natürlich um ein Vielfaches überlegen. Man sagt, daß Mandarinen am besten gedeihen, wenn sie viel Sonne bekommen und Seeluft ausgesetzt sind. Von daher ist es nicht verwunderlich, daß die Präfektur Hiroshima einer der größten Mandarinenproduzenten Japans ist. Es gibt hier nämlich sehr viele Inseln in der Seto Binnensee und wenn man mit dem Auto entlang der Küste unterwegs ist, sieht man anstatt der sonst üblichen Reisfelder fast nur Mandarinen, bzw. Zitrusfruchtplantagen.
Um diesen Brief nicht zu lange werden zu lassen werde ich an dieser Stelle sicherheitshalber abschließen. Demnächst werde ich über weitere landwirtschaftliche Produkte der Präfektur und den Besuch eines lieben Freundes berichten Jetzt aber werde ich das wunderschöne Herbstwetter genießen gehen und mich ein bißchen an die frische Luft begeben.
Sayonara
Gernot
©gp