Der 14. Japanbrief

März 2001

Konichiwa!

Wie versprochen sende ich Euch hier den nächsten Japanbrief. In diesem werde ich ein wenig üeber das Leben als Teilnehmer am japanischen Straßenverkehr berichten.

Japan ist ja meines Wissens das einzige Land, das als nicht ehemaliges Protektorat des britischen Weltreichs, den Linksverkehr eingeführt hat. Selbiges ist natürlich ein wenig gewöhnungsbedürftig, wenn man die meiste Zeit seines Lebens auf der rechten Straßenseite gefahren, aber auf der linken Autoseite gesessen hat. In Japan ist das alles - fast alles - umgekehrt.

Nur die Pedale sind so angeordnet, wie bei uns auch - das Gaspedal wird mit dem rechten Fuss betätigt, die Kupplung mit dem linken. Dazwischen die Bremse, die ich aber eher selten verwende...

Das Fahren auf der falschen Strassenseite ist weiter nicht problematisch, man muss sich nur am Anfang ein wenig konzentrieren, auf der richtigen = falschen Seite zu fahren. Da das Verkehrsaufkommen in Japan jedoch sehr hoch ist, macht man es einfach so wie alle anderen, ohne viel nachzudenken. Vertauscht und am meisten gewöhungsbeduerftig sind die Hebel für Blinker und Scheibenwischer. Gerade am Anfang, oder nach einem Urlaub in Österreich kommt es oft vor, daß man anstatt zu blinken die Scheibenwischer betätigt und umgekehrt. Das ist aber nicht weiter problematisch, da man immer auf plötzliche Richtungswechsel von anderen Verkehrsteilnehmern gefaßt sein muß, weil die Japaner auch eher zu spät als zu früh blinken, wenn überhaupt.

Hin und wieder komme ich auch in Versuchung, auf der Beifahrerseite ins Auto einzusteigen, erkenne dann aber recht schnell, dass das nicht wirklich zielführend ist. Viele Japaner allerdings fahren aus Kosten- und Prestige Gründen Autos, die sie selbst aus Europa, vor allem aus Deutschland, importiert haben. Besonders wichtig ist man, wenn man das deutsche Kennzeichen noch für alle sichtbar auf dem Auto montiert hat, und das japanische irgendwo an der Seite der Frontpartie verborgen angebracht wird. Eventuell könnte man hier ja auch einen Markt auftun, um gebrauchte Kennzeichen als Statusobjekt an japanische Autozubehörgeschäfte zu verkaufen.

Die allseits bekannte japanische Höflichkeit findet im Straßenverkehr eher weniger Niederschlag. Auffällig ist das Verhalten, daß bei Dunkelheit an einer roten Ampel das Abblendlicht abgeschalten wird. Dies geschieht aber, wie mir eine Japanerin erklärte, etwa nicht um den Gegenverkehr nicht zu blenden, sondern um die Batterie zu schonen.

Sehr oft habe ich allerdings auch schon die folgende Situation erlebt. Von einer Nebenstraße kommend will ich rechts (so wie bei uns links) auf die Hauptstraße einbiegen, muss also auf sämtlichen Quer- und Gegenverkehr achten. Des öfteren ist es mir schon passiert, daß in einer derartigen Situation bei wenig Verkehr ein von links kommender Rechtsabbieger auf der linken, falschen Seite an meinem Auto vorbeifährt, um mich nicht zu behindern und mir die Möglichkeit zu geben früher zu fahren. Sehr nett ist es auch, daß man jedes mal, wenn man auf Grund schlechter Witterungsbedingungen am Tag mit Licht fährt von entgegenkommenden Autofahrern mittels Aufblendlicht darauf hingewiesen wird. Die Methode, sich bei schlechter Sicht als Lichtfahrer sichtbarer zu machen ist in diesem Land offensichtlich noch nicht so verbreitet.

Das japanische Straßennetz ist ein sehr weitläufiges, weil das Land sehr dicht besiedelt ist. Allerdings ist der Zustand der Straßen, in Bezug auf Breite und Bausubstanz, mit dem vergleichbar, was man bei uns in den 70er Jahren geboten bekam. Geh- oder gar Fahrradwege sind außer in innerstädtischen Prachtstraßen eher sehr selten anzufinden. Allgegenwärtig sind dafür nicht abgedeckte Entwässerungsgräben an der Seite, die sich immer wieder als ziemlich lethal für Vorderachsen und Unterboden der, in die selbigen hineinfahrenden, Fahrzeuge erweisen. Auch ist die Absicherung der Straßen mit Leitplanken viel weniger verbreitet als in Europa, daher ist auch die Gefahr in Flüsse und ähnliches zu fallen um einiges grösser. In sehr gutem Zustand sind allerdings die Autobahnen, in der hiesigen Sprache Expressways (jap. Akkzent bitte dazudenken) genannt, wo man für die Begleichung einer manuell eingehobenen Maut, das Vergnügen geniessen kann mit ganzen 80 km/h erlaubter Höchstgeschwindigkeit dahinzubrausen. Für importierte Autos gibt es eine eigene Reihe, wo der Mautkartenausgabeautomat an der linken Fahrbahnseite angebracht ist. Von der hiesigen Auffahrt nach Hiroshima, die Strecke beträgt ca. 20 km, sind 500 yen, das entspricht ca. 60 ATS (4.36 €) zu entrichten. Füur eine Fahrt nach Osaka (ca. 300 km) sind 6000 Yen (780 ATS, 56.68 €) zu zahlen. So gesehen, weise ich darauf hin, wie günstig doch das Autofahren in Österreich ist. Auf Bundes und Landesstrassen, darf man mit maximal 50 km/h fahren, und es ist auch meistens wegen des sehr hohen Verkehrsaufkommens nicht schneller möglich.

Man sollte auch als Verkehrsteilnehmer im japanischen Kaiserreich darauf gefaßt sein, daß an den Stellen, wo man schnell fahren könnte, es aber nicht darf, hin und wieder Verkehrsüberwachungsorgane lauern, die einem dann mit sehr schnellen Motorrädern, die mit blinkenden roten Lichtern ausgestattet, sind nachfahren. Selbiges ist mir natürlich auch schon passiert. Als ich den jungen Mann mit seinem Motorrad in meinem Rückspiegel erspähte, hatte ich noch kurz die Hoffnung, daß er mich nicht meinen würde und fuhr auf die erste Spur um ihn vorbei zu lassen. Selbiges war allerdings nicht in seinem Interesse, ich bekam eine japanische Anweisung und vermutete richtig, dass ich ihm folgen sollte, was ich auch tat. In einer Bushaltestelle zeigte ich ihm dann meinen Führerschein inklusive der japanischen übersetzung, was ihn ersteinmal für ein paar Minuten befriedigte. Sodann wollte er versuchen mir zu erklären, daß ich zu schnell gefahren sei, wobei er ein kleines Büchlein, wo sämtliche Verfehlungen und daraus resultierende Verfahren auch in englischer Sprache gedruckt waren zu Hilfe nahm. Meine Frage nach dem Preis beantwortete er mit 15.000 yen, das sind ca. 1.950,- ATS. Und das für eine lächerliche Geschwindigkeitsüberschreitung von 24 km/h auf einer Art 4 - spuriger Freilandstraße. Jedenfalls mußte ich diverse Formulare unterschreiben und auch, da ich keinen japanischen Unterschriftsstempel besitze, mittels Fingerabdruck bestätigen. Sämtliche Utensilien, wie Stempelkissen und Tüchlein zum Sauberwischen der Finger entnahm er dem Seitenkoffer seines Motorrades. Sodann erhielt ich am Ende der ganzen Aktion, die ca. eine halbe Stunde gedauert hatte einen Erlagschein und eine Quittung, sowie einen perfekten Salut des Polizisten beim Wegfahren.

Neuerdings fahre ich an neuralgischen Stellen ein wenig aufmerksamer. Vor allem derzeit ist es sehr riskant unerlaubt schnell zu fahren, weil demnächst das japanische Finanzjahr enden wird. Aßerdem dünkt mich in den Nachrichten vernommen zu haben, daß es um die japanischen Staatsfinanzen ohnehin nicht allzugut bestellt ist, und ich nicht vorhabe mehr als notwendig zur Sanierung beizutragen.

Demnächst erzähle ich wieder ein wenig über meine letzten Ausflüge, weiters bin ich derzeit auch dabei die homepage wieder ein wenig auszubauen.

:-) Gernot

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