Oktober 2000
Konichiwa!
Dieser Japanbrief befaßt sich mit dem Sommer, dessen Beginn ich ja bereits im letzten Japanbrief geschildert habe. Ausserdem habe ich Euch das firefly (Glühwürmchen) Festival unterschlagen, reiche es aber jetzt natürlich nach!
Das Firefly Festival fand Anfang Juni in Motomitsus Heimatgemeinde Shiwa Cho statt. Wir waren dazu von ihm eingeladen und außer mir folgten noch Mirel mit seiner Gattin Mirela und der indonesische Kollege Samudro. Bevor wir den Sportplatz der örtlichen High School betraten, wo das Festival statt fand, fuhren wir wieder einmal zum Schrein um zu beten. Danach fuhren wir zu Motomitsus Haus, um das Auto zu parken und machten uns zu Fuß, gemeinsam mit seiner Familie, auf den Weg. Am Gelände angelangt genossen wir musikalische Darbietungen, die auf einer Bühne stattfanden und ausserdem genossen einige von uns die Produkte japanischer Braukunst. Ich lernte einen Japaner kennen, der spanisch konnte und wir führten einen intressanten spanisch - englisch - japanischen Dialog. Danach wurden wir ein wenig unerwartet von Motomitsu auf die Bühne gezerrt und wurden ähnlich wie schon beim Bamboo Fire Festival dem versammelten Publikum vorgestellt! Diesmal entfiel allerdings die Bekanntgabe des Status ledig oder verheiratet. Danach speisten wir noch die üblichen Japanischen Nudeln (Udon) und kehrten in Motomitsus Haus zurück, um dort ebenfalls noch einen Imbiß zu erhalten. Auf dem Weg dorthin gingen wir an einem Fluß vorbei, wo eine Menge Japaner stand und Glühwürmchen beobachtete, die diesem Fest ja den Namen geben.
Das nächste Ereignis im Sommer war die Anschaffung meines Autos und der Besuch aus "Osterreich bzw. Deutschland, den ich bereits im letzten Japanbrief geschildert habe. Mit meinem Auto bin ich im Sommer ein wenig herumgefahren. Ich habe mir vor allem die Gegend im Süden meines Domizils angesehen, gemeinsam mit Florin (ist auch ein Rumäne) haben wir einen Strand entdeckt, wo wir einige schöne Sommertage verbrachten und uns die Zeit mit Fischen und Schwimmen vertrieben. Wir besuchten aber auch einige Male einen offiziell ausgewiesenen Badestrand der Präfektur. Der Eintritt war überraschenderweise kostenlos, der Strand war nach amerikanischem Baywatch Vorbild von Rettungsschwimmern überwacht und der Schwimmbereich durch ein Netz gesichert. Haie sollen zwar sehr selten sein in diesen Gewässern, aber doch schon vorgekommen sein.
Einen Grossteil des Sommers verbrachte ich allerdings auch wieder damit, für meine Dr. Arbeit etwas zu tun. Gemeinsam mit meinem Professor korrigierten wir ein Paper, das er in den U.S.A. eingereicht hatte. Da der Begutachter jedoch nicht ganz zufrieden war und vor einer Veröffentlichung einige "Anderungen haben wollte, mußten wir in einer Stress Aktion einiges fertigstellen und adaptieren. Allerdings war es eine erfreuliche Arbeit, weil ich auf diese Art und Weise relativ günstig zu einem weiteren Paper gekommen bin, da ich nun ebenfalls als Mitautor aufscheinen werde.
Da ich auch im Herbst die japanische Landschaft ein wenig genießen möchte, habe ich versucht, im Internet etwas über Wandermöglichkeiten in der hiesigen Gegend herauszufinden und bin dabei auf eine Gruppe gestoßen, die Wanderungen in Kombination mit kulturellen Ereignissen kombiniert anbietet und durchführt. Da mich dies sehr interessiert, habe ich mich angemeldet und fuhr am 23. September in der Stadt Kumano, die im Süden von Higashi Hiroshima liegt.
Mittels Email hatte ich einen Treffpunkt vereinbart mit der Gruppe, die per Autobus aus Hiroshima City anreisen wollte. Ich jedoch kam ja mit meinem Auto aus der anderen Richtung. Nachdem ich mich einmal verfahren hatte, informierte ich mich an einer Tankstelle nach dem richtigen Weg und war auch kurz danach bei der Feuerwehrstation - dem ausgemachten Treffpunkt - angekommen. Nachdem ich mein Auto bei einem Einkaufszentrum geparkt hatte begegneten mir gleich darauf 3 Japaner, die aufgeregt zu winken begannen, als sie mich erblickten! Die 3 Herrschaften waren ein Vorauskommando, das mir beim Parkplatzsuchen und Zurechtfinden behilflich sein sollte, bis der Bus ankommt! Der Bus traf auch kurz darauf ein und ich lernte den Rest der Gruppe kennen. Einer der Teilnehmer war ein 72 Jahre alter Herr, der mich gleich auf deutsch ansprach, er hatte diese Sprache in der Schule und auf der Universität gelernt und freute sich, wieder einmal seine Kenntnisse anwenden zu können.
Während des Anmarsches zu unserem ersten Ziel unterhielt ich mich ein wenig mit ihm. Kurz bevor wir am Fuss des Berges, den wir besteigen wollten ankamen, begann es zu regnen. Ich war etwas verwundert, daß sofort alle ihre Regenschirme auspackten und dann begannen mit dem Regenschirm in der Hand den Berg zu besteigen. Allerdings war der Vorteil dieser Methode, daß man dabei bei weitem nicht so schwitzte, wie ich unter meiner Wasser und Luft undurchlässigen Regenjacke. Der Regen hörte aber nach kurzer Zeit wieder auf und einige Augenblicke später hatten wir auch bereits den 418 Meter hohen Gipfel erreicht. Erstaunt waren die Wandergefährten, als ich erzählte, dass Klagenfurt auf einer Höhe von 463 Metern liegt und daß bei uns die Berge um einiges höher sind. Nach der Erstellung von Gruppenfotos erhielt ich noch die Information, daß sich einst auf diesem Berg eine Burg bzw. ein Wachturm befand.
Wir begaben uns dann wieder ins Tal, um nach einer Wanderung von ca. einer Stunde das Gelände eines Schreins zu erreichen, wo an diesem Tag das Pinsel Festival stattfand. "Uberall waren Buden aufgebaut und es wurden die verschiedensten Dinge zum Kauf angeboten. Sehr vertreten waren neben diversen Mahlzeiten auch Utensilien, die man für die traditionelle japanische Kalligraphie benötigt. Wir erklommen den höchsten Punkt des Hügels, wo das ganze stattfand und nahmen unser mitgebrachtes Mittagessen ein. Danach war Freizeit vorgesehen, die benutzt werden sollte, um sich das Festival anzusehen. Ich wurde von einem japanischen Ehepaar auf ein Bier eingeladen und gemeinsam mit den beiden bin ich dann in das Pinselmuseum gegangen. Dort waren Pinsel ausgestellt, es wurde auch die Herstellung vorgeführt und man konnte auch selbst seine kalligraphischen Fähigkeiten erproben. Einer der Besucher im Museum war begeistert, als ich Gernot Pirker und Austria auf japanisch schrieb (Es gibt für ausländische Begriffe eine eigene Silbenschrift, die ich relativ gut beherrsche). Ausserdem waren in dem Museum viele Produkte ausgestellt, die mit den Pinseln hergestellt wurden, wie Bilder, bemalte Tücher, Keramik etc... Nach dem Besuch des Museums sahen wir uns eine Kalligraphievorführung an, ein japanischer Schreib - Sensei schrieb mit einem Riesenpinsel einige Worte auf ein großes Tuch. Der Spruch, den er schrieb lautete: "Der Pinsel ist schwer - Pinsel festival 23.9.2002... "
Ich sah mir noch ein bißchen die Herstellung von Tuschesteinen (ein Stein mit einer Vertiefung, wo man ein bißchen Tusche hineinfüllt und den Pinsel abstreifen kann) an, und begab mich dann mit den beiden Japanern zurück in Richtung Autobusstation. Auf dem Weg dorthin passierten wir ein altes traditionelles japanisches Haus, wo wir ein Mitglied unserer Gruppe fanden und eingeladen wurden, uns ebenfalls dazu zu gesellen. Der Hausherr reichte selbstgebrannten Sake (ein Reiswein), ein Getränk, das mir normalerweise nicht sehr mundet. Dieser hier angebotene war jedoch von einer herausragenden Qualität. Da ich jedoch mit dem Auto unterwegs war und das Autofahren in Japan schon gefährlich genug ist, wenn man nüchtern ist, unterliess ich es, grössere Mengen dieses Getränkes einzunehmen, und begnügte mich damit eine Flasche zu erwerben.
Danach kehrte ich zu meinem Auto zurück, um zurück nach Higashi Hiroshima zu fahren. Da mein iranischer Bürokollege Reza abreiste und mir einige seiner Güter überließ (teilweise gegen Entgelt), führten wir an diesem Abend noch eine erfolgreiche Umsiedelungsaktion von Waschmaschine, Fernsehapparat und einigen Kleinigkeiten durch, bevor ich wieder in den japanischen Wochenendalltag zurückkehrte!
Liebe Leute, das wars für heute - aber ich hoffe, mich bald wieder melden zu können!
Sayonara
Gernot
©gp