Juli 2000
Liebe Freunde!
Es geschehen noch Zeichen und Wunder - nach einer ca. 3 monatigen Pause sende ich Euch wieder einen kleinen Erlebnisbericht aus dem Land des Lächelns. Was hat sich alles ereignet, seit ich mich das letzte Mal gemeldet habe?
- Orthodoxes Osterfest mit Geburtstagsparty kombiniert
- Besuch des Atombombenmuseums
- Flower Festival in Hiroshima
- Besuch des Golfplatzes
- Heimaturlaub
- Regenzeit in Japan
- Erwerb eines Automobils
- Besuch aus Deutschland und Österreich
Diese oben erwähnten Punkte sind kleine Höhepunkte, die aus einer Masse an Arbeit Arbeit Arbeit hervorstechen. Naja ganz so schlimm ist es nicht.
Eine Woche nachdem das unsrige Osterfest stattfand, luden unsere rumänischen Kollegen uns zu ihrem orthodoxen Osterfest ein. Mirel feierte an diesem Tag auch seinen Geburtstag, was dazu führte, daß er einige Getränke sponsorte. Da er Geburtsstag hatte, übereigneten der Piefke und ich ihm ein Paar blaue Socken. Kurz zuvor hat er nämlich einen Urlaub benutzt, um in Rumänien zu heiraten.
Die Feier selbst war sehr nett, außer uns nahmen auch noch andre Leute aus der sehr großen rumänischen und aus der brasilianischen Community teil. Ob in Brasilien das Osterfest an diesem Tag gefeiert wurde oder nicht, weiß ich nicht, jedenfalls gab es eine Vielzahl bunter Eier, diverse von diversen Ehefrauen schmackhaft zubereitete Salate und Steaks bzw. Kotletts vom Grill. Ort der Veranstaltung war ein Park in der Nähe der Uni - dieser Park umfasst ein sehr großes Gelände und dient als Erholungsort für alle die, die ein bißchen grün benötigen, um ihre Batterien wieder aufzuladen. Leider hat es geregnet, da aber findige japanische Parkplaner dies vorausgesehen hatten, wurden auch große Unterstände eingeplant, unter einen von diesen zogen wir uns zurück.
Mitte April begann ich wieder mit einem Versuch, die japanische Sprache mittels eines von der Uni angebotenen Kurses zu erlernen. 4 Doppelstunden in der Woche bei 4 verschiedenen Lehrern sollten dabei hifreich sein. Leider werden tw. für Anfänger Lehrer eingesetzt, die nur der japanischen Sprache mächtig sind, so daß es sehr schwer ist, dem Unterricht zu folgen und aufzupassen. Zwei der Lehrer sind aber hervorragend und auch der englischen Sprache mächtig. Einer der beiden ist der Koordinator des Austauschprogramms der Universität Hiroshima mit diversen Partneruniversitäten weltweit. Von diesen Partneruniversitaeten kommen Studenten nach Hiroshima, selbst entsendet die Universitaet Hiroshima Studenten in andere Länder. Da dieser Koordinator für die Studenten auch ein Freizeit und Kulturprogramm anbietet, hatte er unter anderem einen Besuch des Atombombenmuseums auf dem Plan und lud alle anderen Studenten, die seinen Kurs besuchten ebenfalls dazu ein.
So begaben wir uns mit der japanischen Eisenbahn (Schmalspur) in die Metropole der hiesigen Präfektur, um uns die japanische Aufarbeitung der Vergangenheit anzusehen. Das Areal im Zentrum der Explosion wurde bis auf ein Gebäude vollständig eingeebnet. Rund um dieses Gebäude, die ehemalige Halle der Industrie, das jetzt als A-Bomb Dome bekannt ist, wurde der Friedenspark errichtet. Im Friedenspark gibt es Denkmäler und Monumente, die daran gemahnen sollen, derartigen Wahnsinn in Zukunft sein zu lassen.
Im Museum selbst wird man mit der Geschichte von Hiroshima als Militärbasis konfrontiert. Eine chronologische Abfolge der Einsätze der hier beheimateten Armeeteile wird dann von den technischen Details des Bombenabwurfs vervollständigt. Mir drängte sich das Gefühl auf, daß die Präsentation irgendwie eine Entschuldigung bei den Amerikanern und eine Art Schuldeingeständnis für den Abwurf von japanischer Seite selbst sein soll. Im Obergeschoß des Museums wird man dann mit erschütternden Zeugen der Zeitgeschichte konfrontiert. Kleider, die zum Teil verbrannt sind, sind ausgestellt, oder Stufen wo tatsächlich ein Schatten der Person, die dort gesessen ist, eingebrannt ist. Bilder von den Verletzungen, die entstanden sind, werden ebenfalls gezeigt, haben aber auf mich nicht die Wirkung gehabt, da man derartige Abbildungen auch schon in Büchern gesehen hat. Real vor einem Objekt zu stehen, das direkt der Bombe ausgesetzt war, wie auch beispielsweise Dachziegel, die teilweise richtig geschmolzen sind, lässt einen schon sehr nachdenklich und auch sehr zornig werden...
Mein nächster Besuch in Hiroshima City fand statt anläßlich des Flower Festivals in der Golden Week. Die Golden Week ist eine Abfolge von 3 Feiertagen Anfang Mai. Da der vorige Kaiser Hirohito am 29. April Geburtstag gehabt hatte, nutzen viele Firmen die Kombination dieser Daten und geben ihren Mitarbeitern den gesamten Zeitraum frei. So kommen die meisten Japaner zu einer Woche Ferien, ohne Urlaub nehmen zu müssen. Zu Neujahr und im August gibt es eine ähnliche Ansammlung an Feiertagen, soda/3 die 2 Wochen Urlaub, die der japanische Arbeitnehmer normalerweise bekommt, mit diesen Ferienzeiten gemeinsam, eine ähnliche Freizeit ergeben, wie sie der europäische Arbeitnehmer genie/3t. Wir begaben uns jedenfalls auf Einladung von Motomitsu nach Hiroshima, wo wir die Parade anlässlich des Festivals verfolgten. Gruppen von Schülern, Schülerinnen, Industriebetrieben, traditionelle Vereine, Seniorensportler, religiöse Vereinigungen etc... präsentierten sich auf der Friedensallee. Rundherum gab es Stände mit Essen, Trinken und sonstigen Vergnügungseinrichtungen. In diesem Fall sprechen, die Bilder mehr, als der geschriebene Text.
Am nächsten Tag der Golden Week folgten wir ebenfalls einer Einladung Motomitsus. Er zeigte uns den Golfplatz und wir versuchten ebenfalls, den Ball mit diesen Schlägern zu treffen und in das Loch zu versenken. Manchmal ist sogar der eine oder andere Schlag gelungen.
Sodann trat ich am 9.5. meinen Heimaturlaub an - Conclusio des Urlaubs: "Daham is es am schensten." Da ich mich rechtzeitig um ein Wiedereinreisevisum bemüht hatte - obwohl das Visum ein Jahr gültig ist, muß man sich, wenn man das Land verlässt, unter beträchtlichem Zeit- und Kostenaufwand ein Wiedereinreisevisum besorgen - wurde mir die Wiedereinreise auch nicht verweigert. Ich war also rechtzeitig zur Regenzeit wieder in Japan eingelangt.
Die Regenzeit ist dadurch begründet, daß feuchte warme Luft aus dem Süden auf kalte, aber auch einigermassen feuchte Luft aus dem Norden trifft. Da bei der Abkühlung das Wasser nicht gehalten werden kann regnet es, und zwar ordentlich. In dieser Zeit sind die ansonsten sehr mäßig befüllten Flußbetten ziemlich voll, die Reisfelder werden ordentlich bewässert und die Frösche quaken um die Wette. Dies ist besonders in der Nacht sehr angenehm. Wenn es nicht regnet, ist es sehr schwül. Das größte Problem hier stellen allerdings nicht die Umweltbedingungen dar, sondern die künstliche Atmosphäre, die durch Klimaanlagen geschaffen wird. Scheinbar können Japaner nur effektiv arbeiten, wenn im Arbeitsraum ein Temperaturunterschied von mind. 12 Grad zur Außentemperatur vorherrscht. Im Winter heißt das, daß man Räume extrem überheizen muß, damit es angenehm ist - so ca. 26 - 28 Grad Raumtemperatur ist im Winter normal. Im Sommer werden dieRäume dafür dann auf 17 - 18 Grad runtergekühlt. Da/3 man bei oftmaligen Wechseln zwischen draußen und drinnen natürlich anfällig für Krankheiten wird, ist da einigermaßen klar verständlich. Durch Piefkes im letzten Jahr gewonnene Erfahrungen habe ich aber vorgesorgt. Erstens ist in meinem Büro eine Temperatur von 25 Grad ausreichend angenehm - mein persicher Kollege findet das zu warm, allerdings ist er fast fertig und eh fast nie mehr im Büro - und dadurch, daß wir jetzt im Büro Netzanschluß haben, ist es euch nicht mehr notwendig, den japanischen Computerraum aufzusuchen, außer um Ausdrucke aus dem Drucker zu nehmen.
Mein nächstes Projekt war die Anschaffung eines fahrbaren Untersatzes. Gemeinsam mit einem Rumänen, der im gleichen Japanisch Kurs ist wie ich, besuchten wir etliche Carshops und ich fand auch ein Auto, das mir gut gefiel. Es war zwar am oberen Ende des Preislimits, aber ich zog durchaus in Erwägung das Fahrzeug zu erwerben. Am Montag darauf fand ich mich wieder bei dem Händler ein, um eine Probefahrt zu machen und das Fahrzeug genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich war hochzufrieden, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich den Pries ein wenig drücken wollte und der Händler statt dessen 25% aufschlug. Den Aufschlag erklärte er mit diversen Verwaltungstätigkeiten und sonstigen Ausgaben, die natürlich noch extra zu zahlen wären. Damit war das Fahrzeug nicht mehr im Preisrahmen und ich zog grantig von dannen.
Mein persicher Kollege hatte zwar ähnliches angekündigt, aber ich glaubte es erst jetzt so richtig. Allerdings lud Reza mich dann ein und fuhr mit mir zu seinem Carshop, der ein wenig abgelegen war, dafür aber einen weniger profitgierigen Besitzer hatte. Dort fand ich ein adequates Vehikel, einen Suzuki Minicar. Außerdem war im Preis ein 2 Jahres Service mit der dazugehörigen staatlichen Plakette (Shaken) inkludiert, eine Versicherung konnte ich dort ebenfalls erwerben. Leider dauerte die Auslieferung eine Woche, dies ist dadurch begründet, daß der Mechaniker um den Shaken zu machen, nach Hiroshima zur Prüfstelle fahren mußte, und dort wahrscheinlich Wartezeiten und Termine einzuhalten waren.
So kam es, daß ich meinen Besucher Jörg Putzke noch nicht mit eigenem Fahrzeug abholen konnte, sondern nochmals Mirel bemühen mußte. Jörg ist Burschenschafter aus Greifswald bzw. München und war auf einem Kongreß in Yokohama. Dann hängte er noch ein paar Tage an, um mich im Süden zu besuchen. Den Samstag verbrachten wir damit Sushi zu essen und Bier zu trinken. Den Sonntag Vormittag verbrachten wir mit ausschlafen, am Nachmittag begaben wir uns nach Higashi Hiroshima, da Jörg Kopfhörer, Kimonos etc... erwerben wollte und es sowieso zur japanischen Kultur gehört, am Sonntag einzukaufen. Unter anderem sahen wir uns digitale Fotoapparate an - Jörg überlegte einen Kauf, da sein Fotoapparat nicht mehr ganz zuverlässig und in Ordnung war. Zugeschlagen hat er dann im Hyper Mart. Nachdem er Kopfhörer erworben hatte, die wie eine Brille zu tragen sind, erspähten wir eine Aktion bei den Spiegelreflexkameras. Diese waren um ca. 25% vom Normalpreis zu erwerben. Jörg kaufte sich eine Nikon F60D mit 2 Objektiven um 40000 Yen (100 Yen = 0.95 Euro = 13.30 ATS = fast 2 DM).
Am nächsten Tag fuhr Jörg nach Hiroshima, um seine neue Kamera auf Belastbarkeit unter Einsatzbedingungen zu testen und machte die Erfahrung, daß ich recht hatte, als ich sagte: "Beim Objektiv wechseln OHNE Gewalt". Er versuchte das Objektiv zu wechseln, ohne die Arretierung zu lösen, was bewirkte, daß die Zoomeinstellung zerstört wurde.
Dies erzählte er mir alles am Montag abend, als ich mich mit dem Piefke gemeinsam in Hiroshima einfand, um Petra Langmann und Julian Pötzl zu empfangen, die ebenfalls auf Grund eines Kongresses eine Reise nach Japan antraten und mit einem Kurzbesuch bei mir kombinierten. Ich kenne die beiden aus Graz. Nachdem die beiden im Hotel einquartiert waren begaben wir uns alle gemeinsam auf die Suche nach einem Lokal um zu essen. Selbiges ist erfolgt - wir haben dann auch noch einen kleinen Abschiedscocktail getrunken und sind mit der Bahn nach Saijo (der Ort wo ich wohne) zurück. Am nächsten Tag begab ich mich mit Mirel zum Carshop, um mein Auto zu holen. Jörg machte in der Zwischenzeit Garantieansprüche wegen des Objektivs geltend, und bekam auch ein neues. Mit Jörg, Mirel und dessen Ehefrau Mirela fuhr ich dann nach Hiroshima bzw. weiter nach Myajima. Myajima ist eine Insel südlich von Hiroshima, man soll dort einen der 3 schönsten Ausblicke Japans haben. Dies glaube ich durchaus, da wir allerdings gerade Regenzeit haben und diese ausgerechnet an diesem Tag ihrem Namen auch gerecht wurde, konnten wir von dem schönen Ausblick nicht viel geniessen. Ich werde das im Herbst nachholen, und dann ein paar Bilder zeigen, was man gesehen hätte, wenn es nicht geregnet hätte....
Nach dem Inselbesuch - und einem abschließenden Essen - begaben sich Jörg, Julian und Petra wieder per Bahn nach Hiroshima, von wo Jörg am selben Abend noch nach Tokyo aufbrach, da am nächsten Tag in der Früh sein Flieger ging. Die Familie Mirel und ich begaben uns via Expressway (mautpflichtig - ca. 170 Schilling für 60 km) zurück nach Saijo, um wieder unsere Studien aufzunehmen.
Sayonara und einen schönen Sommer
Gernot
©gp