April 2000
Liebe Freunde!
Am heutigen Ostersonntag nehme ich mir wieder einmal die Zeit, um Euch von meinem Leben in Japan und den Ereignissen der letzten beiden Monate zu berichten. Am Montag nach meiner Rückkehr von Kyoto begannen die Vorträge der Studenten unseres Departments. Dies möchte ich als Anlass nehmen, um ein wenig über das japanische Schul- bzw. Universitätssystem zu erzählen. Allerdings will ich nicht behaupten, daß ich alles richtig verstanden habe. Jedenfalls müssen junge Japaner, die studieren wollen eine Aufnahmsprüfung für die staatlichen Universitäten ablegen. Mit diesem Ergebnis wird dann beurteilt, ob der junge Mensch die gewaehlte Studienrichtung überhaupt antreten darf. Wenn diese Hürde überstanden ist kann es noch zu weiteren Prüfungen an den gewünschten Unis selbst kommen, da ja die einzelnen Universitäten einerseits einen verschiedenen Ruf geniessen und jeder Student anderrerseits eine bestimmte Universität zum Studieren ins Auge gefasst hat.
Nach der Absolvierung der Aufnahmsprüfungen beginnt jedenfalls dann im April das Studentenleben für die Japaner. In den ersten 3 Jahren des Studiums werden sie in den grundlegenden Fächern ihres Studiums ausgebildet, nach dem 2. oder dem 3. Studienjahr entscheiden Sie sich fuer ein Institut (LAb) wo sie dann ihre Diplomarbeit machen. Das System selbst ist sehr verschult, so dass das Bestehen der einzelprüfungen keinen großen Aufwand darstellt.
Im jeweiligen Lab wird dann 1 bzw. 2 Jahre am Forschungsprojekt gearbeitet und eine Diplomarbeit verfasst. Am Ende des 4. Jahres muß dann jeder Student seine Projekt vorstellen und wird dann kurz dazu befragt. Es findet allerdings keine Diplomprüfung so wie bei uns statt, die Fragen beschränken sich eigentlich nur auf den Inhalt des Projektes, der Frageteil selbst ist ca. 5 Minuten lang. Wenn dies fuer alle Studenten geschafft ist gibt es eine grosse Party im Hörsaal neben den Doktorandenbüros, so daß an ein Arbeiten nicht mehr zu denken ist. Die einzelnen Arbeiten der Studenten werden in den Wochen danach von den Professoren begutachtet und bewertet. Ende März findet dann die Graduation party statt, in unserrem Fall in Hiroshima city in einem Hotel. Jeder Student bekommt sein Diplom verliehen, danach wird Lab weise ausgezogen und die Stadt unsicher gemacht. Nach einem Essen (vorher gab es schon ein Buffet, gleich nach der Verleihung) begaben wir uns zu einer Bowlingbahn, um dieses Spiel zu pflegen. Da jedoch alle Bahnen besetzt waren ogen wir wider von dannen und in eine Spielhalle, die im EG des selben Gebäudes untergebracht war. Dort stellten einige Studenten und der Professor ihre Fertigeiten im Automatenspielen unter Beweis, ich habe das ganze relativ amüsant gefunden. Alkoholisierte Japaner werden ziemlich kindisch. Da die Planung des weiteren Abends noch ziemlich in den Sternen stand und ein paar Leute bereits zurueckfuhren, schloss ich mich denen an und kehrte mit ein wenig Bauchweh in unser Universitätskaff zuruück. Bauchweh deswegen, weil die wahnwitzige Fahrweise der Japaner unter Alkoholeinfluss noch ein wenig wahnwitziger wird.
Ausserdem hab ich im März einen intensiven Japanisch Kurs besucht, intensiv war vor allem der Zeitaufwand. Da ich wegen meiner Arbeit kaum Zeit zum Studieren und Wiederholen des Erlernten fand, hat sich mein Wissensstand im Japanischen noch nicht sehr verändert. Allerdings bemühe ich mich weiter und werde in 2 1/2 Jahren vielleicht in der Lage sein, einfache Konversation zu machen, und mehr als 5 der komischen Schriftzeichen lesen zu können.
Sodann kam der April und damit der Monat der japanischen Kirschblüte. Da unser Freund Motomitsu aus privaten Gründen nach Tokio musste, konnte er nicht wie ursprünglich mit uns ausgemacht die Kirschenblüten besuchen. Aber selbst ist der Mann, zwar der Landessprache nicht mächtig aber immer mutig und entschlossen. Da ich eine sehr schöne englischsprachige Karte der Hiroshima Präfektur besitze, stellte ich fest, daß im Süden unseres Dorfes ein kleiner Nationalpark liegt, wo auch das Kirschblütensymbol eingezeichnet war. Also überredete ich den Autoinhaber Mirel (aus dem Lande der Karpaten) einen kleinen Ausflug dorthin zu machen.
Mit Mirel bin ich zuerst zu ihm gefahren, um seine neu erworbene Waschmaschine in sein Appartement tragen und dann sind wir Richtung Sueden. Ich habe es sogar geschafft, richtig zu orientieren, obwohl Mirel prinzipiell nach links fährt wenn man sagt rechts und umgekehrt. Er ist ein sehr ungeübter Autofahrer, aber seit ich mit ihm zu Weihnachten das Autofahren geübt habe schon sehr viel sicherer unterwegs. Schliesslich und endlich kamen wir also am Fuss der Strasse auf den Norosan an. san heisst im japanischen sowohl Herr (Frau), als auch Berg. Die Schriftzeichen für die beiden Begriffe sind allerdings unterschiedlich. Wir sind jedenfalls die Strasse hinaufgefahren, und letztendlich auf halber Höhe des Berges inmitten eines Kirschbluetenmeeres stehengeblieben und ausgestiegen.
Sodann habe ich versucht, die schönen Natureindrücke auf 400 ASA Film zu bannen. Leider war der Himmel sehr bewölkt, das beste Fotografierwetter dürfte es hier auch nur im Herbst geben. Während ich also fotomässig unterwegs war und Mirel seiner Sucht frönte haben uns zwei Japaner, die da gepicknickt haben einfach so eingeladen mitzujausnen. Und weil der Mirel Auto gefahren ist habe ich das ganze Bier das die beiden uns angeboten haben alleine trinken muessen. Ausserdem gab es japanische Happen bestehend aus: Krabbenfleisch, getrockneten Fischtieren, Sushi. Alles in allem war uns das sehr willkommen, weil wir eh ein bissl hungrig waren. Danach haben die beiden uns den Rest vom Berg gezeigt.
Wir sind ganz hinauf gefahren und haben den Blick ueber das Meer bis zum Horizont genossen. Der Horizont war leider sehr nahe, weil es sehr dunstig war. Nichtsdestotrotz waren die beiden sehr stolz uns ihr schönes Land zeigen zu können. Nippon kirei des heisst Japan ist schön. Oben am Gipfel des Berges war auch noch ein kleines Museum mit Bildern, dieses haben wir ebenfalls noch besichtigt. Jedenfalls ist dieser Punkt wegen der Nähe und der landschaftlichen Schönheit, die man dort sehr geniessen kann sicher noch öfters ein Ausflugsziel von mir. Ich plane im Sommer selbst mir ein Vehikel anzuschaffen, um ein wenig mobiler und von den anderen unabhängig die Gegend erkunden zu können. Sehr schön an dem Berg war, dass ganz oben, die Knospen der Blüten noch gar nicht geöffnet waren, während im Tal bereits einige Blütenblätter zu Boden fielen. Vom Berg wieder herunten folgten wir wieder der Küstenstrasse, um schliesslich abzubiegen und wieder zu unseren Domizilen zurückzuziehen.
Wieder einmal musste ich dabei feststellen, dass es in Japans Küstengegend so etwas wie Land nicht zu geben scheint. Zwar gibt es viel grün zu sehen, aber entlang der Strassen ist alle paar Meter ein Haus zu sehen. Im Nationalpark selbst war dies natürlich nicht der Fall, allerdings scheinen die Japaner selbst am Wochenende die Flucht aus der Enge in den Städten zu geniessen, weil die Strasse und auch alle Picknickplätze sehr dicht bevölkert waren.
Gestern nutzte ich die Gelegenheit zu einer Fahrt nach Hiroshima city. Ein Professor des japanisch Kurses hat uns eingeladen mitzufahren, er ist mit seinen internationelen Austauschstudenten hingefahren, um das Atombombenmuseum und den peace park zu besuchen. Der peace park ist eine weiträumige Parkanlage im Bereich des Punktes, wo die besagte Atombombe gezündet hat. Im Museum selbst wurde die militärische Geschichte von Hiroshima aufgezeigt, weiters wurde eine genaue Darstellung der Ereignisse bis zum Abwurf der Bombe gezeigt. In einem dritten Teil des Museums waren Exponate zu sehen, die den Schrecken, den der Abwurf verursachte, dokumentierten. Man wird sehr nachdenklich, wenn man beispielsweise die besagten Stufen sieht, wo nur eine dunkel gefärbte Stelle nachweist, daß hier ein Mensch gesessen und verglüht ist. Videoerzählungen von überlebenden, die das Geschehen aus Ihrer Sicht schildern ergänzen die Ausstellung. Man kann nur hoffen, daß der momentan von allen propagierte Weltdauerfrieden kein leeres Gerede ist, und daß sich ein derartiger Wahnsinn nicht wiederholt.
Frohe Ostern!
Gernot
©gp