März 2000
Liebe Leute!
Trotz jahrelangen Studiums habe ich das Zählen offensichtlich nicht richtig gelernt. Habe ich Euch doch zwei mal einen 7. Japanbrief mit völlig unterschiedlichen Inhalten gesendet. Was mich beruhigt ist, daß es von Euch auch keiner gemerkt hat. Oder bedeutet dies, dass meine literarischen Ergüsse von Euch gar nicht richtig honoriert werden? Mir ist das egal, ich werde trotzdem damit weitermachen.
Letzte Woche hat es ein richtiges Winterwetter gegeben. Dies ist deshalb so interessant, weil der Teil Japans, in dem ich mich aufhalte, offiziell in der subtropischen Zone liegt. Daß in der subtropischen Zone derartiges Winterwetter vorherrschend ist, war mir nicht bewusst. Jedenfalls war es ganz lustig mit dem Rad im dichtesten Schneetreiben nach Hause zu radeln. Die Autos fuhren um sehr viel langsamer, als man es sonst von ihnen gewohnt ist, offensichtlich ist der japanische Autofahrer nicht auf derartige Verhältnisse vorbereitet. Nur ein Teil der LKW's ist mit Ketten ausgerüstet. Trotzdem konnten wir auf dem Weg von meiner Wohnung zum Piefke einige Fahrzeuge sehen, deren Fahrer die Verhältnisse wohl etwas unter- oder ihr Können etwas überschätzt haben. Ein LKW-Fahrer, der seine Zugmaschine ebenfalls in den Graben befördert hatte war offensichtlich nicht mit Ketten ausgerüstet. Hier muss ich noch, auch auf die Gefahr hin, daß ich mich eventuell wiederhole, erwähnen, daß es in Japan keinerlei Geländer, Leitplanken und ähnliche Dinge auf den normalen Verkehrswegen, sei es STraß, Rad- oder Fußweg zu geben scheint. Auf Grund des Fehlens derartiger Einrichtungen sind die Unfälle, die hin und wieder passieren, in 99% der Fälle mit einer Bergeunternehmung durch den, im Besitz der Polizei befindlichen Autokran, verbunden. Als Radfahrer muß man natürlich besonders aufpassen, wenn man beispielsweise den Fluss entlangfährt, daß man nicht von der Fahrbahn abkommt und in die Tiefe stürzt.
Freitag der 11. Februar war ein Feiertag im Land des Lächelns. dieses verlängerte Wochende nutzte ich zu einem Besuch in Kyoto, einer der ältesten Städte Japans. Da eine derartige Unternehmung aber alleine sehr fad ist, habe ich mich dort mit Anja getroffen. Anja kante ich bis dato nur ueber e-mail, sie ist eine ganz schlaue Geschaeftsfrau, die trotzdem sie eine Frau ist von ihrer Firma in das von Männern sehr dominierte Japan entsendet wurde, um ein halbes Jahr in Tokio zu arbeiten. Ausserdem war es fuer mich sehr guenstig, weil Anja auch die Organisation einer Unterkunft übernahm. Meine Bahnkarte liess ich von Ayuko besorgen, nur die Reise musste ich natürlich selbst machen. Und diese Reise hat sich auch ausgezahlt.
Die Stadt Kyoto liegt in
der Mitte von Japans Hauptinsel und ist eine ehemalige Residenzstadt der
japanischen Kaiser. Als ehemalige Hauptstadt zeichnet sie aus, daß
es neben anderen Sehenswürdigkeiten vor allem eine Vielzahl von Tempeln
gibt. Insgesamt sind es ca. 2000 Tempel, die über das gesamte Stadtgebiet
und Umland verteilt sind. Doch um zu den Tempeln zu kommen, muß man
diese Juwelen der Baukunst aus einer grauen hässlichen japanischen
Grosstadt herausfiltern. Die Suche jedoch lohnt sich.
Anja hat als Unterkunft
für uns ein traditioneles japanisches Gasthaus, ein sogenanntes Ryokan
organisiert. In derartigen Gasthaeusern schl"ft man auf dem Boden, der
mit Tatami, den Reisstrohmatten belegt ist. Allerdings gab es in unserem
Ryoakan als besonderen Luxus einen Duschraum statt des herkömmlichen
japanischen Bades. Das ungünstige an anjas Auswahl war, daß
das Ryokan um 23:00 Sperrstunde macht, was für etwaige nächtliche
Unternehmungen ja kein günstiger Ausgangspunkt war. Nichtsdestotrotz
war es eine sehr nette, günstige und kokmfortable Unterkunft, die
ich nur empfehlen kann.
Nachdem wir uns also am Freitag in unserem Ryokan getroffen und Anjas Gepäck versorgt hatten, machten wir uns zuerst einmal auf die Suche nach etwas Essbarem. Ein Stadtplan war uns dabei behilflich den Weg in die Innenstadt zu finden. Was wir dem Stadtplan allerdings nicht entnehmen konnten, war daß dieser Weg zu Fuss ein etwas längerer, als ursprünglich gedacht hatten, war. Ich finde jedoch, dass der lange Fussmarsch sich ausgezahlt hat, weil ich bereits einiges interessantes sehen konnte. Zum Beispiel sahen wir eine Garage, in der die Autos mit einem Lift hin und her gehoben und verstaut werden. Damit die Fahrer mit ihren Autos wieder aus der Garage rausfahren koennen, werden die Autos vorher auf kleinen Drehscheiben umgedreht, da zum Rangieren zu wenig Platz ist. Ich glaube, daß ich bereits erwähnt habe, daß Japaner nicht gerne zu Fuß gehen. Nachdem wir also ein Großkaufhaus entdeckte hatten, wo Anja ein gutes Gastronomieservice wusste, konnten wir unseren Hunger sättigen.
Nach erfolgter Speisung und dem Verlassen des Kaufhauses konnte also unsere Entdeckungstour durch Kyoto beginnen. Da wir schon in der Nähe des Palastes, des Museums und der Burg von Kyoto waren, wollten wir uns diese Objekte auch ansehen, soweit dass möglich war. Möglich war das Museum, weil mich mein Orientierungssinn verlassen hat und wir eine Zeit lang in die falsche Richtung gegangen sind. Allerdings haben wir in dieser Zeit die Hintergassenatmosphäre einer japanischen Großstadt genossen und auch ein oder zwei kleine Tempel entdeckt. Trotz der eisigen Temperaturen drängte sich bei mir der Vergleich mit einem arabischen Basar oder einer südeuropäischen Stadt auf, obwohl Anja meine Meinung nicht teilte. Der Palast und die Burg waren letztlich doch etwas zu weit entfernt, um alles in einer vernünftigen Zeit unterzubringen. Kyotos Stadtmuseum bietet einige interessante Stücke aus der Geschichte der Stadt, ausserdem sahen wir diverse Kunstwerke japanischer Künstler. Ich investierte 2000 Yen in einen Holzdruck des Fuji san. Diesen habe ich allerdings im Laufe des Abends in irgendeiner Lokalität vergessen, so daß sich die Anzahl der in meinem Besitz befindlichen Kunstwerke durch diese Anschaffung insgesamt nicht geändert hat.
Nach erfolgtem Besuch des Museums schlenderten wir Richtung Fluß, um uns wieder auf die Suche nach einem Restaurant zu machen. Wir fanden eine ganze Menge Restaurants und entschieden uns für ein japanisches. Im Inneren erwartete uns eine Theke wo die Gäste rundherum sassen und in der Mitte fungierte ein Barkeeper als Kellner. Die Speisekarte war zweisprachig und Anja und ich probierten selbige rauf und runter. Dieses Verhalten hat den Barkeeper Kellner ein wenig verwundert, aber nach einiger Zeit hat auch er sich daran gewöhnt. Nach vollbrachter Abfütterung schlenderten wir den Fluss entlang durch eine Strasse, in der es viele Lokale gab. ausserdem herrschte auf der Strasse selbst eine südländische Atmosphäre. Sehr viele Leute waren unterwegs und Straßenmusiker verliehen dem Ganzen auch noch eine besondere Atmosphäre. Anja und ich kehrten dann noch in ein Künstlerlokal im Keller ein, wo ein japanisches Pärchen gerade sehr moderne Musik mittels Kontrabaß und Akkordeon spielte. Dann sind zwei überraschende Dinge passiert. Unerwarteterweise wurden wir von einem Japaner sofort eingeladen, an seinem Tisch Platz zu nehmen, und nachdem wir das getan hatten und auch etwas zu trinken bekamen, gefiel uns auch die Musik, die die beiden spielten. die Atmosphäre war etwas besonderes und es war sehr schade, daß die beiden nach einigen weiteren Liedern mit ihrer Darbietung am Ende angelangt waren.
Am nächsten Tag bestiegen wir nach einem schönen FRühstück in einer französischen Bäckerei den Kyoto Tower um einen überblick üeber die Stadt zu bekommen. Weit in der Ferne konnte ich jedoch einen Tempel erspähen.
Sodann begaben wir uns wieder zu Fuß in den Ostteil der Stadt, wo wir als erstes das National Museum of Kyoto besuchten. da es gerade umgebaut wird, gab es nicht besonders viel zu sehen, in einer kleinen Nebenhalle betrachteten wir Keramik, Seidenmalerei und diverse Buddhastatuen. Danach war es soweit. Endlich betraten wir das erste mal heiligen Boden. Der relativ hohe Eintrittspreis ließ uns jedoch überlegen, ob wir den Tempel selbst auch betreten sollten. Unsere Diskussion wurde von einer deutschen Touristin mit den Worten: "in 6 Minuten ist man da durch"; zu Ende gebracht. 100 Yen pro Minute war uns ein wenig zu viel. Wir begaben uns also weiter in Richtung Unseres Tageszieles und stolperten auf dem Weg dorthin von einer sehenswerten Sache zur nächsten. Den Höhepunkt bildete meiner Ansicht nach der Besuch des Kiyomizu Tempels, der sich im Südosten der Stadt hoch auf einem Berg befindet und nach einem netten Spaziergang durch eine mit Andenkenläden gesäumte Straße, von uns erreicht wurde. Zurück Richtung Kyoto nahmen wir eine andere Straße. Aber auch hier gab es viele Geschäfte in denen Keramik, Kunstwerke und Esswaren angeboten wurden.
Wir bewegten uns weiter Richtung der Gegend Kyotos, wo viele Antiquitäten- und Kunstgeschäfte zu finden sind. Allerdings war die Zeit leider schon etwas weiter fortgeschritten, so daß wir nicht mehr in Ruhe ales ansehen konnten, weil viele Geschäfte bereits schlossen. Auch war es uns nicht möglich, irgendwelchen Kunsthandwerkern bei der Arbeit zuzusehen, obwohl wir das gerne getan hätten. Durch die Umstände gezwungen mussten wir also wieder etwas essen gehen. Wir wählten diesmal ein italienisches Restaurant. Die Pizza war hervorragend, der Chianti war eisgekühlt, aber trotzdem sehr gut. Wir lernten in diesem Lokal einen amerikaner kennen, der seine Zeit damit verbrachte, alleine um die Welt zu reisen. An sich war er ein netter Mensch. Das Problem war nur, das er als alleine reisender nicht viel zum sprechen kommt und die Gelegenheit beinhart ausgenutzt hat um uns sehr viele, seiner Ansicht nach interessante Dinge zu erzählen. Als geübter Einhandsegler kenne ich dieses Syndrom allerdings selbst sehr gut und habe daher Verständnis für solche Leute.
Am Sonntag begaben wir uns abermals zum Hauptbahnhof von Kyoto um den Bus in eine andere Tempelgegend zu nehmen. Die Busfahrt war allerdings ein wenig unangenehm, da der Bus gestopft voll war und wir uns ja irgendwie orientieren mussten, um unsere Haltestelle nicht zu versäumen. Dazu kam, daß wir zur richtigen Zeit beim Ausstieg sein mussten, um nicht zu früh oder zu spät aussteigen zu müssen. In Japan steigt man nämlich hinten in den Bus (oder die Bim) ein und vorne beim Fahrer aus. Dort wird dann auch gezahlt. Wir kamen aber erfolgreich am geplanten Ausstiegsort an und schafften es auch, das öffentliche Massenbeförderungsmittel zu verlassen. Als erstes besichtigten wir einen Tempel, der für seinen Garten berühmt ist. Fotos dieses Gartens, werde ich damnächst auf meiner Seite veröffentlichen. Es war sehr entspanend sich in einer grünen Oase aufzuhalten und ein bisschen abzuschalten. Sehr sehenswert waren auch die geharkten Kieselsteine, die als besondere Verzierung den Reiz der Anlage ausmachen. Vor dem Weg zum Tempel sind wir einem japanischen Maler erlegen, dem sowohl Anja als auch ich ein Bild abkauften. Auf dem Rückweg holten wir die Bilder ab, der Maler hat noch jedes auf der Rückseite mit einer Widmung versehen. Meiner Ansicht nach, war dieser Tempel, bzw. der Garten, auch der Höhepunkt des gesamten Wochenendes. So wohl habe ich mich dort gefühlt.
Wir gingen dann weiter und spazierten den Pfad der Philosophie entlang nah Süden. Wir besichtigten weitere Tempel und erreichten am Nachmittag das Kyoto Handycraft Centrum, wo man Kunsthandwerk, das in Japans alter Hauptstadt hergestellt wurde kaufen kann. Alles das, was man als typisch japanisch erachtet ist dort in verschiedenen Preiskategorien erhältlich. Man bekommt Kimonos, Samuraischwerter, Holzmasken, Puppen und was weiß ich noch alles... Ausserdem kann man elektronische Geräte mit internationalen Anleitungen bekommen. Und alles steuerfrei, weil die ganze Einrichtung natürlich vor allem touristischen Zwecken dient. Wir sind dann mittels Taxi zurück zum Bahnhof gereist, wo wir dann aus dem alten traditionellen Japan vom Shinkansen mit 200 km/h wieder zurück ins moderne Japan gebracht wurden.
Allerdings plane ich irgendwann noch einmal diese Stadt zu besuchen, weil ich denke, daß ein weiterer Besuch nicht schaden kann und ich noch lange nicht alles gesehen habe.
Demnächst erzähle ich Euch wieder mehr, aber ich bin derzeit am Besuch eines Japanisch Intensiv Kurses und neben Paper schreiben und dieser Tätigkeit, bleibt nur sehr wenig Freizeit. Seht Euch die Bilder an, ich glaube, daß sie ein Gefühl für diese Stadt vermitteln können.
Gernot
©gp