Der 8. Japanbrief

Februar 2000

Liebe Leute!

Da auch in Japan meine Haare länger werden war es an der Zeit endlich einmal wieder zum Friseur zu gehen. Von meinem persischen Kollegen erfuhr ich die Adresse eines sehr günstigen Figaros und gemeinsam mit einem rumänischen Kollegen, der auch schon seeeehr lange Haare hatte suchten wir diese Adresse auf. Etwas unsicher standen wir dann vor dem Laden, wurden jedoch gleich von einem Japaner auf Englisch ins Geschäft gebeten. Da alle Figaros beschäftigt waren mussten wir kurz auf der Wartebank Platz nehmen. Nichtsahnend setzten wir uns dabei auf den Wartebereich für Frauen, wurden jedoch durch Gesten weitergebeten im Wartebereich für Herren Platz zu nehmen. Ein ca. 5 jähriger japanischer Knabe, der mit Mutter und Schwester den Saloon 5 Minuten nach uns betrat musste die selbe Erfahrung machen. Brutalst wurde er von seiner Mutter verstossen und auf die Plätze für Herren geschickt, wo er sehr zweifelhaft dreinschauend neben mir Platz nahm. Ich begrüßte ihn jedoch freundlich auf japanisch (mein ganzer japanischer Wortschatz wurde für diesen Zweck ausgeschöpft) mit einem freundlichen konichi wa, das er sehr höflich und fröhlich grinsend erwiderte.

Kurz danach war einer der wie am Fließband Haare schneidenden Figaros mit seinem Kunden fertig und Mirel durfte Platz nehmen. Der Geschäftsführer erfragte seine Wunsche auf Englisch, diese wurden dann an den ausführenden Figaro weitergegeben. Kurz darauf durfte auch ich in einem der Stühle Platz nehmen, hatte sogar die Ehre vom Ladeninhaber selbst geschnitten zu werden, nachdem ich ihm verständlich gemacht hatte, daß ich auch gerne meine Haare gewaschen hätte und auch rasiert werden will.

Als erstes wurden mir jedoch die Haare geschnitten, und mein Kopf sah danach wieder um vieles menschenähnlicher aus. Dann wurde eine Hilfskraft eingesetzt um mich mit Rasierschaum einzuseifen. Davor allerdings wurde meine Haut noch mit einem heißen Handtuch vorbereitet. Sehr angenehm war das. Danach wurde ich eingeseift und rasiert, allerdings nur an den Stellen wo der Haaransatz ist und im Nacken.

Nach dieser Prozedur wurde ich dann gebeten an einem Waschbecken Platz zu nehmen, wo mir der Kopf gewaschen wurde. Hier bevorzuge ich jedoch die Europäische Methode, weil das Haarewaschen mit vornübergebeugtem Kopf, auf einem kleinen Stuhl vor einem kleinen Waschbecken sitzend ist doch nicht das Wahre für mich. Die Massage der Kopfhaut, die von der Haarwasch-Hilfskraft mit einem eigenen - einer Bürste zum Pferde striegeln ähnlichem - Gerät durchgeführt wurde war sehr angenehm. Danach wurde ich wieder vom Meister persönlich geföhnt.

Mein Wunsch nach einer Rasur wurde offensichtlich nicht verstanden, der Preis den ich bezahlte war durchaus in Ordnung und nur um eine Kleinigkeit höher als der Preis den Mirel bezahlte, der sich nur die Haare schneiden ließ.

Am Sonntag den 16.1 waren wir abermals von Motomitsu san eingeladen. Diesmal sollten wir an einem bamboo fire festival teilnehmen. Der Sonntag war entgegen seinem Namen ein sehr verregneter, die Sonne konnte man nicht einmal erahnen. Nichtsdestotrotz wurden wir von Motomitsu mit seinem Mazda Kleinbus abgeholt und zur Stelle des Festivals gebracht. Die Teilnehmer waren diesmal zahlreich, beide Rumänen (Danny und Mirel), der Piefke, die Chinesin (Xiao) ein weiterer Chinese namens Gu Hi, was mich gleich wieder an Chu Hi erinnerte, und ich selbst.

Am Platz, wo das Feuer stattfand wurden wir von einem älteren Japaner sehr herzlich auf Englisch! willkommen geheissen. Später erfuhr ich, daß dieser Mann, ein Professor der Universität und Nachbar von Motomitsu san, eine Tochter hat, die in Wien verheiratet ist. Auch die anderen Japaner, alles Einwohner der Siedlung wo auch unser Gastgeber wohnt, hießen uns sehr freundlich willkommen und reichten uns Speisen und Getränke. Zu Trinken gab es Sake aus abgeschnittenen Bambusrohren oder Asahi Bier aus Dosen. Ich bevorzugte letzteres.

Zu essen gab es Spießchen mit Schweinefleisch und einer süßen Sauce übergossen. Das mag etwas ungewohnt klingen, es schmeckt aber durchaus schmackhft, wenn man von einer gewissen durchfeuchtung auf Grund des Wetters absieht. Weiters gab es tofuartige rosarote Speisen, den japanischen Namen habe ich vergessen, hergestellt wird das Zeug irgendwie aus Fischen. Ich habe mich bei diesem Angebot etwas zurückgehalten.

Da bei unserem Eintreffen das Feuer schon brannte, bzw rauchte, weil sehr grünes Bambusrohr verbrannt wurde und die Nässe auch ein übriges dazutat, warteten wir einmal ab, was weiter passieren würde. Nach einiger Zeit und einigen Bieren beganen dann die anwesenden Japaner damit, vorbereitete Bambusstangen, wo weiße Reiskuchen dran befestigt waren über dem Feuer zu drehen, und damit die Reiskuchen zu rösten.

Irgendwann erklärte mir dann Gu Hi, daß man dies tun muß um ein langes Leben zu bekommen, und drückte mir die Stange die er gerade drehte in die Hand. Außerdem verlängert es das Leben, wenn man die Reiskuchen, die vorher gebraten wurden mit einer gezuckerten Sojasauce zusammen ißt. Auch das Trinken von Bier und Sake zu diesem Anlaß soll sich günstig auf eine Verlängerung des Lebens auswirken, so daß ich vermutlich sowieso seeeehr alt werden werde.

Als wir dann aufbrachen, nötigte uns Motomitsu san noch uns der versammelten Nachbarschaft vorzustellen, wobei ich dies natürlich auf japanisch tat, weil ich dies inzwischen ja gelernt habe. Weiters verkündete Motomitsu lautstark, wer von uns zu haben ist und wer nicht, allerdings war die Anzahl der anwesenden Jungfrauen im heiratsfähigen Alter gleich null, so daß diese Verlautbarungen ohne Folgen blieben.

Nach erfolgreich durchgeführtem bamboo fire waren wir abermals in Motomitsus Haus zu Gast und durften einem toten Krebs den weiteren Garaus machen. Auf Grund des vielen Reiskuchens, den wir bereits genossen hatten, war es ein ziemlicher Kampf, dem Vieh den Rest zu geben, es ist aber mehr oder weniger erfolgreich gelungen, waren wir doch immerhin 6 Personen.

Wie ja die meisten Leser wissen, waren meine Kenntnisse der japanischen Sprache am Beginn meines Aufenthaltes hier sehr gering, um nicht zu sagen Null. Da ich jedoch der Ansicht bin, daß man bei einem 3-jährigem aufenthalt wenigstens ein bißchen versuchen sollte sich die Landessprache zu eigen zu machen, noch dazu wo die meisten Einheimischen nur diese beherrschen, versuche ich nun mir die japanische Sprache anzueignen.

Da einer der Studenten aus unserem Lab an mich herangetreten ist um mit mir Englisch zu üben, habe ich ihm, er heißt Satoh, ein Gegengeschäft vorgeschlagen und gesagt, daß er mir dafür japanisch beibringen muß. So betreiben wir also Sprachunterricht jenseits allen diesbezüglichen, pädagogisch wertvollen Wissens. Als Basis verwenden wir ein English speaking practice Lehrbuch für Japaner.

Dieses hat pro Lektion 8 Bilder, wo ein Mann seinen Tagesablauf beschreibt. Ich kann jetzt schon auf japanisch Wecker abschalten, aufstehen, mich anziehen, frühstücken, mit der eisenbahn fahren, alten Damen einen Platz im Zug anbieten u.s.w. Gerade gestern habe ich wiede etwas ganz interessantes gelernt, und zwar über die japanische Art sich zu waschen. Der Japaner füllt Wasser in die Badewanne, seift sich dann vor der Badewanne stehend ab und übergießt sich dann, immer noch vor der Badewanne stehend mit heißem Wasser, das er der Badewanne entnimmt. Auf die Art und Weise könen mehrere Personen das gleiche Badewasser verwenden - wieder ein Beispiel für die japanische Sparsamkeit.

Mit diesem neuerrungenen Wissen stellt sich mir auch die Anweisung des Gästehauses, in dem ich die ersten Nächte verbracht habe unter einem gänzlich anderem Lichte dar. Dort sollte man nämlich das heiße Badewasser nicht auslassen, da es ja noch jemand anderer verwenden könnte. Damals war ich über diese Idee sehr verwundert, inzwischen als Kenner der japanischen Waschkultur kommt mir diese Anweisung nun sehr selbstverständlich und klar durchdacht vor. Persönlich ziehe ich aber immer noch eine Dusche am Morgen vor.

Natürlich versuche ich auch anlässlich dieses Unterrichtes ein wenig von der japanischen Schrift zu erlernen. Es gibt ja 3 verschiedene Schriften. Einerseits die aus dem Chinesischen übernommenen Bildzeichen, Kanji genant. Eine Vereinfachung dieser Bildzeichen zu einer Silbenschrift nennt man Hiragana. Diese wird für japanische Wörter benutzt, die kein eigenes Bild haben, für Partikel oder auch wenn der Schreiber das Bild nicht kennt.

Ich schreibe ebenfalls alle japanischen Vokabel mit dieser Schrift auf, ca. 200 habe ich schon aufggeschrieben, ca. 20 davon kann ich auch schon.

Die dritte Schrift, die ebenfalls Silben und zwar die gleichen wie im Hiragana darstellt heißt Katakana. Die wird für ausländische Begriffe verwendet. Zum Beispiel für Namen von Europäern, für Namen fremder Länder, oder für ausländische Importprodukte, die nicht traditionell japanisch sind. Whisky = U-i-su-ki (u wird geschluckt), Bier = Bi-ru, Television = Te-le-bi, Alkohol = A-ru-ko-ho-ru.

Japaner tun sich besonders schwer mit r und l, sie haben nämlich nur ein Zeichen für diese Buchstaben, für v verwenden sie b. Mein Student kennt den Unterschied inzwischen, er weiß das man aus einem Glas trinkt und daß man Gras rauchen kann, aber nicht rauchen darf.

Da wir den Unterricht meistens im Studentenraum machen setzen sich immer ein paar von den anderen dazu, die dann auch mitüben. Sehr oft diskutieren die Studenten dann wie man jetzt das Englische richtig ins japanische übersetzt, letztlich zieht aber immer die Meinung von Satoh, weil er der älteste ist.

Interessant ist manchmal auch für mich die richtige Aussprache zu finden, auch hier gibt es oft einige Diskussionen. Dies liegt daran, daß Satoh von Kyushu, der südlichsten Insel kommt, während einige der anderen Studenten, die des öfteren am Unterricht teilnehmen, aus der Gegend um Osaka stammen und dort offensichtlich einen anderen Dialekt pflegen. Da Satoh im April sein Studium beendet hoffe ich, daß ich diese Stunden mit den anderen fortsetzen kann, da es mir einerseits auch Spaß macht und sowohl ich als auch die Studenten davon profitieren.

So liebe Leute, das war's für heute. Bis zum nächsten Mal

gp

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