Dezember 1999
Konichi wa!
Dies ist die 2. Auflage des 6. Japanbriefes, die 1. Auflage ist leider in den Eingeweiden meines Laptos verschwunden. wahrscheinlich liegt das daran, daß Mr. Microsoft und Mr. Netscape sich nicht mögen, ich aber die Programme von beiden verwende. Ich hoffe aber, daß ich die Brillanz meiner ersten Ausführungen noch übertreffen kann, obwohl ich weiß, daß dies schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist.
Das erste was ich berichten will, ist ein kleiner Beitrag über japanische Löcher im Boden und deren Absicherung: Muß auf Grund irgendeiner Bautätigkeit ein Loch in den Boden gemacht werden, werden umfassende Sicherungsmaßnahmen getroffen. Kleine gelbe Männche mit blauer Uniform regeln den Verkehr mit weißen und roten Fahnen, während fleißige japanische Bauarbeiter brav damit beschäftigt sind ihre Aufgabe in der Volkswirtschaft vorbildlich zu erfüllen. Übrigens erkennt man die Funkton des betreffenden, an der Farbe des Overalls, den er trägt. Winkemännchen sind blau mit gelben Helmen, Bauarbeiter hellgrün mit weißen Helmen. In der Nacht werden die Löcher dann mit unzähligen rot blinkenden Hütchen umgeben, sodaß man sehr ungeschickt, sehr betrunken oder sehr blind sein muß um in ein solches Loch zu fallen. Faktum ist jedoch, daß derartige Vorschriften nur für öffentliche Löcher gelten.
Auf privatem Grund und Boden ist dies nicht der Fall. Aus diesem Grund bin ich auch am Dienstag (7.12.) auf dem Weg zu meinem Briefkasten in stockfinsterer Nacht in einen deckellosen Abwasserschacht bei meinem Wohnhaus getreten. Abgesehen von einem aufgeschlagenen Knie und einem irrrsinnigen Grant ist aber nichts weiter passiert. Meine erste Vermutung war, daß irgendwer den Deckel geöffnet hat und vergass ihn wieder zu schließen. Allerdings habe ich inzwischen gemerkt, daß der Deckel für dieses Loch sich durch die Eigenschaft der Nichtexistenz außeichnet, das Loch also deckellos ist. Einen Tag danach habe ich auch bemerkt, warum mir das Loch bis dato nicht aufgefallen ist. Normalerweise parkt dort ein Auto, dieses war aber zum Zeitpunkt meines Unfalles nicht da. Wahrscheinlich bin ich also selbst schuld, brauche ja auch nicht dort zu gehen, wo normalerweise ein Auto parkt!
Da ich von einem der Mädels, denen der Piefke und ich Deutsch Unterricht geben, japanisches Schreibzeug zum Geburtstag geschenkt bekommen habe, wollte ich natürlich auch lernen, damit umzugehen und richtige schöne japanische Zeichen zu malen. Aus diesem Grund lud ich die junge Dame namens Ayuko zu mir ein, allerdings bedurfte es ziemlich viel Überredungskunst durch mich, weil alleine zu einem Mann auf Besuch - das tut ein anständiges japanisches Mädchen wohl nicht. Jedenfalls fand sie sich dann eines Abends bei mir ein um mich das Schreiben zu lehren und um Spaghetti zu essen, was ich ihr als Gegengeschäft angeboten habe.
Japanisch schreiben ist ganz schön kompliziert, und man braucht sehr viel Übung. Spaghetti Essen ist da sehr viel einfacher. Auch mit Staebchen. Man muß immer darauf achten, daß der Pinsel schön spitz ist, und daß man die Hand kerzengerade, sowie das Handgelenk sehr steif hält. Sonst werden die Zeichen nicht richtig. Es kommt da nämlich auf Nuancen darauf an, wo der Strich dicker und dünner und wieder dicker und so weiter ist. Man muß das schon von Kind auf gelernt haben, oder sehr viel Zeit haben, um das hin zu kriegen.
Am Sonntag, (12. Dezember) war ich dann mit 2 von den Mädchen in Hiroshima um die Dali Ausstellung, die gerade in irgendeinem Museum stattfand an zu sehen. Der Mann hat interessante Bilder gemalt. Zum Beispiel das eine mit den Uhren, die aussehen wie Palatschinken. Würde ich mir vielleicht sogar ins Wohnzimmer hängen, wenn ich genug Geld hätte, um es zu kaufen. Danach habe wir noch eine Freundin von der einen getroffen und sind Essen gegangen. In der Gegend wo wir waren gab es kein japanisches Restaurant, wir hatten die Auswahl zwischen schottisch (der mit dem weltweiten Filialnetz) und italienisch. Das italienische Essen hat sogar richtig gut und auch italienisch geschmeckt. Es war auch gar nicht so extrem teuer. Danach sind wir in ein Einkaufßentrum gegangen.... Irgend etwas haben alle Frauen auf der Welt gemeinsam. Von den Sehenswürdigkeiten, die es in Hiroshima so gibt, habe ich noch nicht viel gesehen, allerdings werde ich sicherlich noch das eine oder andere Mal in diese Stadt kommen. Sie wirkt übrigens ziemlich modern. Nur die Straßenbahn dürfte noch aus den 50'er JAhren sein. Interessant ist, daß man erst bezahlt wenn man aus der Straßenbahn aussteigt, und das offensichtlich niemand ausser mir auf die Idee kommt schwarz zu fahren. Ich habe nämlich erkannt, daß bei 3 Einstiegstüren und einer Ausstiegstür mit Schaffner=Fahrer, der mit Kassieren beschäftigt ist, die Möglichkeiten dazu ideal wären.
Allerdings habe ich den Vorschlag nicht gemacht, weil ich ja nicht wesentlich in die japanische Kultur eingreifen soll, da ich ja ansonsten mein Stipendium nicht bekomme. Und die Japaner warten alle brav, bis sie zum Zahlen dran sind und steigen dann durch die eine Türe aus.
Auch in Japan ist aus kommerziellen Gründen Weihnachten angesagt, allerdings geht es bedeutend besinnlicher und ruhiger zu als in Europa. Nur in den Geschäften sieht man einige weihnachtliche Accessoirs, und die Gegend um die Uni wurde weihnachtlich geschmückt. Lichtergirlanden in blattlosen Laubbäumen ohne Schnee sehen aber nicht sehr weihnachtlich aus!
Gestern (24.12) war ich dann von den beiden mit denen ich in Hiroshima war zu einer Weihnachtsparty eingeladen. Zwei andere Japaner waren aber auch noch da. Überraschenderweise konnte man sich mit beiden gut auf Englisch und sogar teilweise auf Deutsch unterhalten. Als Weihnachtsessen gab es paniertes Hendl und Sushi - danach einen Christmas cake. Der sah sehr schön aus, und bevor wir ihn essen durften haben wir stille Nacht gesungen. Sehr weihnachtlich! Etwas erstaunt war ich, als dann um 24:00 der eine Japaner bagann Rechnungen heraußukramen und abzurechnen. Mir wurde zwar gesagt ich soll Getränke als Beitrag zur Party mitbringen, was ich auch getan habe, allerdings habe ich mit einer derartigen Vorgehensweise natürlich nicht gerechnet und daher keine Rechnung mitgehabt. Wir haben dann geschätzt wie viel ich ausgegeben habe und ich habe noch 200 Yen zurück bekommen. Nach der Abrechnung wurden alle Güter, die noch da waren auf alle Anwesenden aufgeteilt. Ich habe Knabberzeug, eine Rolle Sushi, die Dekoration vom Christmas cake und ein Hühnerschnitzel bekommen. Habe mir daher heute nix zum Frühstück zu kaufen brauchen.
Verwaltet werde ich hier in Japan auch von den österreichischen Behörden hervorragend. Wie im Reisepaß gebeten, habe ich die Botschaft von meiner Anwesenheit informiert und auch darum ersucht, mich ins Auslandswählerverzeichnis auf zu nehmen. Bekommen habe ich ein dickes Kuvert mit einem Brief des Botschafters an alle Landsleute, in dem er sich vorstellt. Er hat nämlich gerade seinen Posten hier in Japan angetreten. Außerdem bakam ich ein Formular, daß ich mit allen Daten, die ich schon ein meinem ersten Schreiben bekanntgegeben habe, noch ein mal ausfüllen mußte. Die Krönung aber war meiner Ansicht nach, daß ich ankreuzen mußte ob ich einen Antrag habe möchte, mit dem ich beantragen kann, daß ich ins Wählerverzeichnis aufgenommen werde. Außerdem bekam ich Informationen (ca 10 Seiten) wo ich im Falle eines Erdbebens in Tokio meinen Sammelpunkt finde, welche Überlebensausrüstung ich neben meinem Bett griffbereit lagern soll, und daß es fertige Überlebensausrüstungen in Geschäften zu kaufen gibt. Ebenfalls dabei waren vorbereitete Formulare um eine Liste zu machen, in die man die Namen aller Österreicher und Europäer eintragen soll, die nach einem Erdbeben am Sammelort sind. Piefke und ich, haben die Liste sogleich vorbereitend mit allen unseren Namen (1 Österreicher, ein Deutscher, 2 Rumänen, ein Iraner, 1 Chinesin) ausgefüllt, damit wir beim Major Earthquake Zeit sparen, die wir ja dann zum Überleben brauchen. Vor allem deshalb weil wir ja keine Überlebensausrüstung besitzen. Außerdem wurde ich gefragt ob ich Mitglied der Österreicher in Japan Gesellschaft werden will. Die wollen einen geringen Mitgliedsbeitrag (5000 Yen) und zu den Veranstaltungen müßte ich jedesmal nach Tokio fahre. Vermutlich werde ich nicht Mitglied werden dort. Was nicht im Brief war, obwohl der Botschafter geschrieben hat, daß es dabei ist, war die Adresse des Honorarkonsulats in Hiroshima. Das wäre nämlich eventuell eine Information gewesen, mit der ich etwas angefangen hätte! Jedenfalls bin ich jetzt überzeugt, daß ich hier in Japan auch von österreichischer Seite optimal verwaltet werde.
Ansonsten bin ich derzeit damit beschäftigt ein Programm zu entwickeln, mit dem man voraussagen kann wann in einem Schiff Löcher von bestimmter Tiefe durch Korrosion in Erscheinung treten.
Frohe Weihnachten und ein Gutes Neues Jahr
Pi-ka san
©gp