Dezember 1999
Guten Tag!
Die Sonne ist zwar gerade untergegangen, aber ich werde Euch trotzdem aus dem Land der aufgehenden Sonne berichten.
Letzte Woche (gemeint ist die Woche vom 14. zum 21. November 1999) habe ich wieder ein paar tolle Sachen erlebt. Einer der Höhepunkte war der Empfang von 2 Paketen aus der Heimat. Danke liebe Mutter, danke lieber Bruder. Es gab viele Köstlichkeiten, wie Milka Schokolade, Hauswürstel, Speck, CD's ... Einfach herrlich. Und da ich mir eine Stereoanlage gekauft habe kann ich jetzt die CD's sogar anhören. Um diese Pakete zu empfangen mußte ich natürlich wieder ins Zentrum zur Post fahren, da ich zum Zeitpunkt der Lieferung nicht zu Hause war. Brave Studenten in Japan sind nämlich im Office auf der Uni!
Aber mein Kollege Reza erklärte sich bereit mit mir zur Post zu fahren und die Pakete zu holen. Außerdem holte ich meine offizielle Alien registration Card (mit Fingerabdruck, wie menschenunwürdig!!!) und kaufte auch gleich ein paar Utensilien für meine Geburtstagsparty ein.
Und dann erlebten wir wieder einmal etwas seltsames. Während wir auf dem Parkplatz vor meinem Haus standen und gerade fortfahrren wollten, startete plötzlich eines der Autos neben uns seinen Motor. Dabei war kein Mensch zum sehen. Wir beschlossen unisono, daß das gar nicht sein kann und blieben daher etwas länger, um dieses Mysterium aufzuklären. Und es klärte sich auf. Nach ca. 5 Minuten kam ein kleiner gelber Mensch mit rostigen Haaren aus dem Haus, sperrte das Fahrzeug, das mit laufendem Motor da stand auf, stieg ein und fuhr weg. Wir vermuteten Fernbedienung und erkannten wieder einmal ein Beispiel japanischer Sparsamkeit. Mit Fernbedienung Auto starten, Auto heizt automatisch vor, man steigt ein, beim Tür öffnen ist die warme Luft wieder draußen, aber der Motor ist warm und... kein Atomstrom wurde dabei verbraucht. weil Fernbedienung hat ja Batterie. Piefke erzählte, daß bei ihm am Parkplatz immer jede Menge Autos mit laufendem Motor stehen, während die Besitzer darauf warten, daß ihre Wäsche in der Münzwäscherei fertig wird. Vieleicht könnte man mit Standheizungen hier ein Geschäft machen? Rostige Haare bekommt man wenn man schwarze Haare blond zu färben versucht, glaub ich zumindest. Wenn man das öfter macht werden sie irgendwann eierspeisfarben, aber richtig blond wohl nie!
Dann kam schließlich das traurige Erreignis der 30. Wiederkehr des Tages meiner Geburt, welches ich mit einer Party wozu auch die anderen Dr. Studenten und noch einige andere ausländische Studenten, sowie einige Japaner und -rinnen eingeladen waren, zu begehen gedachte. Für die Asiaten war es schon sehr eigenartig mitten unter der Woche und dann erst um 21:00 Uhr eine Party zu feiern aber ich glaube es hat den meisten gefallen. Ganz interessant war der Gesichtsausdruck den Tutor und ein zweiter von den Studenten, die da waren aufgesetzt haben, als plötzlich zwei japanische Mädels (von unserer Deutschübungsgruppe) im Raum standen. Die Herren waren wohl ziemlich überrascht, daß ich es geschafft habe binnen 3 wochen japanische Frauen kennenzulernen und auch zur Party einzuladen. Selbst wären sie wohl gar nicht auf die Idee gekommen, daß so was möglich ist. Und auch für mich war es interessant diese Begegnung zubeobachten. Solange die Jungs da waren haben sich die Japanerinnen brav traditionell benommen, waren ganz ruhig in ihrem Eck und haben nicht viel geredet. Das haben sie aber dann nachgeholt als die beiden weg waren, und außer Europäern nur noch die beiden da waren. Dafür, daß dieses Land pro westlich eingestellt ist, und nach Aussage einer Japanerin die Kultur von ihnen ja so ist wie in Europa benehmen sich die Leute hier jedenfalls ziemlich interessant.
Hier habe ich noch einmal eine Beschreibung für alle, die gerne wissen wollen, was es in diesem Land so zum trinken gibt und das noch nicht in einem der letzten Briefe gelesen haben. Weil auch immer wieder die gleichen Fragen auftauchen. Chu-Hi ist ein Gemisch aus Sake und Fruchtsaft. Es gibt Lemon- :-), Orange :-(, Apple:-((( und Grapfruto flavour :-)). Dann ist auch noch Kohlensäure dabei. Hergestellt wird es deswegen weil Sake pur grauslich sschmeckt. Sake pur habe ich erst einmal probiert, auf meiner Party nämlich und das Zeug ist widerlich. Vielleicht liegt der schlechte Geschmack aber auch daran, daß ich den billigsten Tetrapack gekauft habe. Jedenfalls war das Zeug für die Mädels auf meiner Party gedacht, sake mit Fruchtsäfte zum Mischen, aber keine wollte was davon. Die haben mir mein ganzes Bier ausgetrunken. Das Bier schmeckt übrigens fast so wie daheim und ist nicht aus Reis gemacht!!! Und da viel Sake übrig geblieben ist sieht meine Abendgestaltung im Moment so aus: bis ca. 22:00 auf Uni, dann zu Piefke (mit fernsehen) oder mit Piefke zu mir (mit CD hören), bißl was essen und trinken (Sake mit Fruchtsaft gemixt, schmeckt ganz nach Fruchtsaft, man merkt den Sake gar nicht) -> heia.
Die Japaner sind sehr eigenartige Menschen, bei ein zwei von den Studenten habe ich das Gefühl sie würden mich gerne näher kenenlernen, allerdings ist da immer dieses Problem mit der englischen Sprache. Die beherrschen sie einfach nicht. Zumindest nicht das Sprechen. Und Japaner sind auch nicht fähig Lautverschiebungen zu checken, sodaß man ein Wort so sagen muß wie sie es gelernt haben (gehört haben) sonst ist es besser man schreibt es gleich auf. Oder man hat ein dictionary und schlägt das richtige Wort auf, was dann in freudigem aah, haa haa haa, Kopfnicken und Simulation von Verständnis endet. Einer der beiden hat mich eingelade bei ihm zu Hause (eine sehr seltene Ehre, ist Piefke noch nie passiert) das Spiel zwischen Manchester U. und Palmeiras anzusehen. JapanischeAussprache für MU ist ca. Maaantschestaaaa uunitido. Das kommt daher, weil sie das was sie in fremder Sprache hören in ihre 58 Katakana Silben umsetzen und das dann so aussprechen wie sie es schreiben würden. Austria sagt man hier Oooooo si to ri ja, Australia ist fast gleich, ein Zeichen kommt dazu. Ooooooo so to ra ri ja. Und wenn sie Wien und Mozart nicht kennen würden hätten sie wahrscheinlich bis heute noch nicht kapiert wo ich her bin.
Etwas eigenartig ist ist auch mein Verhältnis zur Post. Wochenlang habe ich auf einen Brief von meinem Lieblingsbruder gewartet und schon sehr auf die kaiserlich japanische Post zu schimpfen begonnen, bis ich durch Zufall (der entscheidende Hinweis kam vom Piefke) entdeckt habe, daß es bei mir am Wohnhaus auch einen Briefkasten gibt. Ich war der Ansicht, daß der Schlitz in der Tür diesbezüglich alles ist, weil die Benachrichtigungen für Pakete immer dort drinen war. Es war ganz interessant aus drei Wochen japanischer Reklame die essentiell wichtigen Schreiben außusortieren. U.a. fand ich die Vorschreibung für die Sozialversicherung, Post von zu Hause, Stromrechnungen u.s.w. Wobei es nicht einfach ist japanische Texte in wichtige Post oder unwichtige Werbung zu unterteilen. Sieht nämlich alles irgendwie gleich aus.
Das war's bis zum nächsten Mal! Ich bin zwar mit der Berichterstattung leider ein wenig hinten, aber schön langsam beginnt hier der Streß. :-)
Pi-ka san
©gp