November 1999
Liebe Leute!
Nun ist es wieder so weit und einer der spannenden Berichte aus Fernost trifft wieder bei Euch ein :-)
Da manche glauben, ich würde in Japan sehr feudal hausen, beschreibe ich Euch mal mein Appartement: Die Adresse mag ja feudal klingen, es ist aber, wie erwähnt, ein ganz normales 08/15 Appartement. WZ hat 9 Tatami = 14,5 m2. Darinnen steht ein Bedo, ein Desko, ein Regal und seit heute (Sa 13.11) eine Stereoanlage. Eine Balkontür gibt es und weil ich das Eckappartement habe auch ein Fenster. Weiters habe ich blaue Vorhänge und einige stabile Sessel, seit neuerem. Im Vorraum befinden sich Abwasch, Gaskocher, WC und Bad. Bad = Waschbecken, Spiegel, Dusche mit Wanne, Handtuchhalter. Kein Schrank, Regal oder irgendwas, um etwas abzustellen außer dem Waschbecken. Dafür ist die Toilette mit einer elektrischen Gesäßreinigungsanlage ausgestattet. Es gibt sogar einen Knopf für Buben und einen für Mädchen. Und wenn man mit Waschen fertig ist, kann man sich den Hintern föhnen lassen. Direkt rechts neben der Eingangstüre befindet sich die Küchenzeile, hier sind allerdings genügend Schränke und so vorhanden. Kühlschrank mußte ich so wie auch eine Lampe ebenfalls kaufen, da unmöbliert hier wirklich absolut leergeräumt heißt. Gut daß der Schrank eingebaut ist, auf die Art und Weise habe ich mir wenigstens diese Ausgaben gespart.
Mein Tagesablauf schaut folgendermaßen aus: Nachdem ich in der Früh aufgewacht bin, drehe ich mich um und schlafe noch einmal eine Runde. Hin und wieder habe ich allerdings um 10:00 Uhr einen Termin mit meinem Professor, dann stehe ich so ungefähr um 09:00 Uhr auf. Nach Körperpflege fahre ich mit dem Radl zur Uni, dort trinke ich Kaffee und beginne mit dem Tageswerk. Im Moment betreibe ich vor allem Literaturstudien zum Thema Ermüdung (von Material), meine eigene Ermüdung bekämpfe ich mit Kaffee. Irgendwann zwischen 12:00 und 15:00 gehe ich mit dem Piefke eine Jause besorgen. Entweder gibt es Sandwich mit Eiaufstrich, Sandwich mit viel Eiaufstrich oder Sandwich mit sehr viel Eiaufstrich. Spurenelemente von Schinken und ähnlichem finden sich manchmal auch in der Verpackung. Danach wird am Nachmittag wieder geforscht. Abendessen gehen wir meistens in die Mensa! Es gibt ca. 15 Standardgerichte und jeden Tag 4 Tagesgerichte. Zu essen gibt es wie erwartet meistens etwas mit Fisch, aber auch sehr oft Huhn oder Schweinefleisch. Dazu gibt es Reis in 4 Größen. Ganz wenig heißt mini, ziemlich viel heißt nami. Das bestelle ich meistens. Als Standardgerichte gibt es japanische Nudeln in diversen Variationen, Schwein mit Reis und Currysauce und noch einige andere undefinierbare Gerichte.
Sämtliche Speisen sind am Eingang der Mensa mit Wachs nachgebildet und ausgestellt. So kann man sich als Ausländer ohne Japanischkenntnisse auch schon ein Bild von seinem Essen machen. Diese Sitte wird hier in allen Lokalen gepflogen und ist meiner Ansicht nach sehr vernünftig, da es doch einige Schwierigkeiten bereitet eine japanische Speisekarte zu lesen.
Nach dem Abendessen gehen wir weiter forschen bis wir keine Lust mehr haben. Dann je nach Uhrzeit noch ein bißchen Zusammensitzen und Unterhaltung mit ev. einem Bier oder einem Chu-Hi. Da es noch immer Leute gibt, die glauben, daß man aus Reis Bier machen kann muß ich hier noch ein mal feststellen, daß man aus Reis Wein, aber kein Bier machen kann. Das Bier schmeckt fast so gut wie man es von zu Hause gewohnt ist.
Damit ihr Euch vorstellen könnt wie meine Umgebung aussieht, schicke ich Euch ein Foto der Universität, samt Umgebung mit. Die anderen Bilder sind vom Ausflug zu den roten Blättern. Zu diesem wurden wir letzten Sonntag von einem Japaner eingeladen. Dieser Herr ist ein Bekannter der Rumänen, die im Nachbarbüro sitzen. Es war schön, endlich einmal die schon vertraute Umgebung aus den Augen zu verlieren und einmal etwas vom Land zu sehen. Abseits der Autobahnen im Landesinneren gibt es nur ziemlich enge Straßen und in den touristischen Gegenden war Hochbetrieb. Wir haben einige Aussichtsplätze besucht und sehr viele Bäume gesehen, die in herbstlicher Pracht rote Blätter hatten. Unser Hauptziel, das threedownfall valley, konnten wir allerdings nicht erreichen, weil an diesem Sonntag zu viele Autos die zu enge Straße, die dort hin führt, befahren wollten. Ein Parkwächter, der sich beim Aufhalten unseres Fahrzeuges ordentlich verbeugte, wie sich das in Japan so gehört, erklärte uns einen Umweg und ein anderes lohnendes Ziel. Da Motomitsu san gut japanisch spricht konnten wir dies dann auch durchführen.
Zurück in Higashi Hiroshima, der Metropole der hiesigen Gegend wurden wir noch zum Essen eingeladen. Herr Motomitsu bestellte der Einfachheit halber für alle japanische Spaghetti. Diese sind ca. so dick wie ein kleiner Finger und werden in einer Suppe serviert. Dann sind noch Fleischstücke dabei. Man i/3t die Spaghetti natürlich mit den Stäbchen, das heißt man erfaßt mit den Stäbchen einen Teil der Spaghetti, steckt sich den in den Mund und schlürft dann den Rest in sich hinein. Die junge Frau, die mit war (Girlfriend oder so irgendwie vom Reiseführer) hat allerdings nicht geschlürft, sondern die Nudeln mit den Stäbchen kunstvollst immer weiter aufgewickelt und ganz manierlich gegessen. Wahrscheinlich dürfen in Japan nur Männer beim Essen schlürfen. Auf einem der Fotos sieht man unsere Ausflugsgruppe, man erkennt deutlich, daß Japaner im Durchschnitt etwas kleiner sind als Europäer.
Mehr folgt demnächst!
saionara
©gp