November 1999
Konban wa!
Wieder einmal ist es an der Zeit, meine ich, Euch mit ein paar meiner hiesigen Erlebnisse und Erfahrungen vertraut zu machen.
Hiezu gehört unter anderem, daß die Nächte hier im Süden des fernen Ostens ziemlich saukalt werden können. Dies um so mehr, da ich es bis dato nicht geschafft habe, mir eine genügend lange Bettdecke zu besorgen. Schuld an der Kälte während der Nacht ist die sehr energiesparende Bauweise der Japaner. Die Hauser werden wohl aus Papier oder etwas Ähnlichem hergestellt, Doppelfenster zum Isolieren gibt es natürlich auch nicht, außerdem dürften Fensterdichtungen in diesem Land ebenfalls nur sehr schwer erhältlich sein.
Der einzige Vorteil, den ich in dieser Bauweise sehen kann, ist der, daß es bei einem Erdbeben, und derer gibt es hier sehr viele, selten zu einem Einsturz der Häuser kommt. Und falls dies doch passiert ist der Wiederaufbau sehr billig. Dafür muß man schon in Kauf nehmen, daß man im Sommer die Klimaanlage zum Kühlen und im Winter die Klimaanlage zum Heizen braucht. Das Unangenehme an der Klimaanlage ist nur das laute Geräusch, daher schalte ich sie in der Nacht ab und dann wird es kalt und so weiter (s.o.) ...
Über den unnötigen Energieverbrauch in diesem Land, das an Ressourcen so knapp ist, will ich lieber kein Wort verlieren. An Uranbrennstäben für Atomkraftwerke dürfte jedenfalls kein Mangel bestehen. Und wie wir alle wissen, sind die Japaner ja sehr erfahren im Umgang mit der Nuklearenergie.
Irgendwie passend zum vorhergehenden Thema ist das nächste Kapitel: Autofahren. Zuerst muß ich erwähnen, daß die Japaner hier auf der falschen Straßenseite fahren. Haben sie wohl von den Engländern abgeschaut. Aber mir als erfahrenem Englandbesucher kann man ja mit so etwas nicht imponieren. Was mich aber etwas irritiert hat, war das etwas laute Motorengeräusch, welches das Fahrzeug meines Tutors von sich gab. Erst nach einigen Tagen merkte ich, daß das kein Einzelfall eines Studentenautos, sondern hier gang und gäbe ist. Grund für den Lärm ist die Ausführung des Endtopfes, der einen Durchmesser von ca. 25 cm besitzt. Patrick und ich haben die Theorie, daß ein Großteil der Leistung des Fahrzeuges auf diese Weise dazu verwendet wird, um Lärm zu erzeugen. Dies bietet 2 Vorteile:
1) Man hört das Auto kommen, dies ist für nicht an Linksverkehr gewohnte Kontinentaleuropäer und Amerikaner ein besonderer Vorteil.
2) Die Autos können nicht sehr schnell fahren, was sie ja sowieso nicht dürfen.
Auf die Art und Weise werden die 170 PS doch sinnvoll eingesetzt. Was mir an japanischer Fahrweise noch auffiel war, daß sie, sobald sie irgendwo im Stau stehen, das Licht abschalten. Eine sehr sinnvolle Idee, wird doch auf diese Weise bekanntermaßen sehr viel Energie rückgewonnen, die man dann wieder durch das schlecht isolierte Fenster der Wohnung in die Umwelt blasen kann. Ebenfalls sehr sinnvoll finde ich, daß bei kurzen Stehzeiten bis ca. 5 Minuten der Motor des Fashrzeuges laufen gelassen wird, auch wenn man das Fahrzeug verläßt. Auf die Art und Weise wird wahrscheinlich der höhere Benzinverbrauch beim Starten des Fahrzeuges vermieden.
Da ja sehr viele von Euch glauben, mich richtig auf japanisch anschreiben zu müssen, hier noch einige Infos zur japanischen Schreibweise. Pirker san ist an sich richtig, obwohl die Japaner mit ihren komischen Schriftzeichen aus Pirker etwas machen was wie Pi-ka klingt. Aus Gernot wurde Ga-nuto. Dies habe ich zumindest nach dem Vergleich der Zeichen, die meinen Namen darstellen mit einem japanischem Primitivschrift = Katakana - Alphabet verglichen. Allerdings ist mir dann aufgefallen, daß auf einem anderen Dokument mein Name anders geschrieben wird (Pi-ruka), es liegt also auch an der Aussprache und am Gehör des Gegenübers, wer man nun wirklich ist.
Nun ist es aber doch so, daß ich inzwischen die meiste Zeit an der Uni in unserem schönen 15 Jahre alten Institusgebäude verbringe und mich meinen Forschungen widme. Mein Thema lautet übrigens "study of safety assurance of structures by monitoring and maintenance" Eine japanische Übersetzung gibt es auch noch. Auch auf der UNI kommt wieder der Sparwille des japanischen Volkes zum Ausdruck. Die Putzfrau kommt einmal im Monat, was u.a. auch zu einer sehr sparsamen Toilettenbenutzung beiträgt. Die einstmals färbigen Linoleumböden sind einheitlich grau. Nur auf den Hauptverkehrswegen der Studenten erkennt man Reste der ursprünglichen Bodenfarbe, weil selbige, wie ich ja bereits erwähnt habe, seltenst beim Gehen ihre Füße heben.
Weiters hatte ich inzwischen bereits das Vergnügen an einer Vortragsreihe der Studenten unseres Labs teilzunehmen. Die Bilder waren sehr schön, ich habe die meisten aber schon gekannt. (Spannungsverteilung an gekerbten Zugstäben u.s.w.). Der Text war japanisch und natürlich auch die Sprache des Vortrages, so daß dieser Nachmittag wirklich ausgesprochen profitabel für mich war und ich meinem Dr.Eng. einen großen Schritt näher gerückt bin.
Aber natürlich bewege ich mich nicht nur auf der Uni, und da ich am Freitag mein erstes richtiges Geld bekommen habe, hob ich gleich einiges ab, um mir ein Fahrrad zu erwerben. Da ich weiß, wie ein Fahrrad aussieht und ich ein solches auch trotz japanischer Schriftzeichen zu erkennen glaube, begab mich also in das hiesige Einkaufsparadies Nr. 1, bekannt als Hyper Mart. Einige Menschen standen vor der Eingangstür, aber da die Tür offen war, bin ich natürlich trotzdem hineingegangen. Dem Wachmann, der an der Türe stand, habe ich freundlich zugenickt, diesen jedoch nicht beeindruckt. Im Gegenteil machte er mir auf japanisch klar, daß es erst 1 Minute vor 10 sei, und der Markt daher natürlich noch nicht zu betreten ist. Also habe ich dann mit den anderen Leuten gewartet. Als es dann nach Meinung der Marktleitung 10 Uhr war, ertönte eine Durchsage, ein lautes Klingelsignal und der Wächter erklärte uns auf japanisch, was für eine große Ehre es für ihn sei, uns jetzt in sein Geschäft lassen zu dürfen, damit wir dort unser sauer verdientes Geld ausgeben können. Begleitet wurde das Ganze durch eine perfekte 90 Grad Verbeugung. Fahrrad habe ich keines gekauft, die im Hyper Markt waren alle zu klein und zu teuer.
Aus diesem Grund suchte ich einen lokalen Kleinhändler auf, dem ich das größte verfügbare Rad, japanischer 08/15 Standard abkaufte. Bemerkenswert ist, daß ein legal erworbenes Fahrrad mit einer Nummer versehen wird, damit es nicht gestohlen wird. Wobei die Verbrechensrate hier in diesem Land ohnehin sehr gering ist.
Am Samstag Abend fand dann die International Student Party anlässlich meiner Ankunft in Japan statt. Abgesehen davon feierte die Uni noch 50 jähriges Jubiläum. Es gab einige Ansprachen auf japanisch, ein reichhaltiges Buffet mit viel Bier, welches übrigens ausgezeichnet schmeckt, da nach deutschem Reinheitsgebot gebraut, und einige kulturelle Darbietungen diverser ausländischer Studenten. Als Abschluß gab es eine Vorführung diverser Nationaltrachten, wobei mir die brasilianische Nationaltracht am besten gefällt (bauchfreies Top, kurzer Rock).
Nach zwei Stunden war die Party zu Ende, und die Turnhalle, wo das Ganze stattfand, wurde binnen kürzester Zeit geräumt. Wir fanden aber eine Möglichkeit, noch ein bis zwei weitere Biere zu trinken und ein bis zwei neue Leute aus Europa oder sonstwoher kennen zu lernen.
Am Wochende mache ich meinen ersten Ausflug. Es geht irgendwohin in die Berge um rote Blätter anzusehen.
Bis zum nächsten Mal
Gernot
©gp