Der 2. Japanbrief

November 1999

Konichi wa, liebe Leute!

Nun ist es also wieder einmal so weit und ich werde Euch ein paar Sachen aus Fernost berichten.

Die Behördenwege sind mehr oder weniger erledigt, meine Alien registration card bekomme ich allerdings erst in 1 Woche. Und ohne diese gibt es kein Telefon.

Da es ja doch einige Bemerkungen zum Thema Stühle gegeben hat, muß ich noch ein mal kurz auf dieses Thema eingehen,und mich gleichzeitig beeindruckt vom japanischen Kundenservice zeigen. Mit Sakaguchi San und zwei verbogenen Sesseln bin ich also wieder im Geschäft eingetroffen. Gemeinsam haben wir dem Verkäufer erklärt, daß die Biegesteifigkeit der tragenden Elemente der Sesselkonstruktion wohl nicht für europäische Benutzer konzipiert wurde. Dies wurde vom Verkäufer anstandslos akzeptiert, und ich macht mich also auf, um zwei neue, stabilere Sessel zu suchen. Dies wiederum kam für den Verkäufer sehr überraschend, weil ich weiterhin ihm und den von ihm verkauften Möbeln mein Vertrauen gewährte. Er wollte mir nämlich anstandslos das ganze Geld für die Stühle zurückerstatten, und war sehr froh, daß ich auch die Ersatzstühle bei ihm kaufte. Die neuen Stühle wurden inzwischen getestet und für gut befunden. Sie sind nun eine wahre Zierde meines 9 Tatami Wohn-Schlafzimmers.

Nun zu meinen ersten Eindrücken über das Land selbst. Während der Zugfahrt von Kansai International (Flughafen von Osaka) bis hierher habe ich nur bebaute Flächen, unterbrochen von einigen Reisfeldern und Tunnels gesehen. Offenbar ist der Grund und Boden hier wirklich etwas knapp. Die Immobilienpreise in der Gegend, wo ich bin sind allerdings nicht ganz so schlimm wie in Tokio. Ich zahle 46000,- Yen (ca 5400,- ATS) Miete und Betriebskosten und habe ein relativ großes Appartement. Die Lage ist ebenfalls sehr günstig, ca 10 Minuten zu Fuß zur Uni und 3 Minuten zu Fuß zu Hyper Mart, einem riesen Einkaufszentrum, wo man alles bekommt was das Herz begehrt, wenn man diese komische Schrift lesen könnte. Allerdings kann man sich mit den Verkäufern durchaus mit Gesten unerhalten und erfragen, ob in der betreffenden Flasche Seife, Shampoo oder Geschirrspülmittel ist.
 

Die Leute selbst sind freundlich und höflich und auch sehr gerne hilfsbereit, wenn man etwas fragt. Allerdings soll man nie eine Frau fragen, wenn ein Mann daneben steht, das kommt irgendwie nicht gut an. Die meisten Studenten im Grundstudium machen auf mich einen etwas unausgeschlafenen Eindruck. Die Schlitzaugen sind wirklich Schlitze und die Leute bewegen sich sehr langsam und träge. Die Japaner mit denen ich zu tun habe sind allerdings schon im Master course und etwas aufgeweckter. Ein paar haben mich sogar gebeten mit ihnen ein bißchen Englisch zu reden, da sie die Gelegenheit zum Üben nützen wollen. Als Europäer kann man sich nicht vorstellen, daß es möglich ist, eine Sprache zu lernen ohne sie zu sprechen. Doch genau dies ist in Japan mit Englisch der Fall. Schreiben und lesen können sie, da aber sogar die Englischlehrer aus Angst, etwas falsch zu sagen, die gesprochene Sprache vermeiden, ist man als English speaking person hier ziemlich alleine auf weiter Flur. Wenn sie dann wirklich Englisch brauchen, weil sie es sprechen müssen finden, sie sich aber, wie ich glaube schnell hinein. Nur wie gesagt: Bevor sie einen Fehler machen, sagen sie lieber gar nichts.

Gemeinsam mit Patrick gebe ich außerdem jeden Montag Abend Deutsch Unterricht. Eine Gruppe von Erziehungswissenschaftlern ist der deutschen Sprache ein wenig mächtig und will mit uns üben. Es ist ganz schön anstrengend 2 - 3 Stunden nur hochdeutsch zu reden, damit man auch verstanden wird. Deutsch lernen diese Erzieher deswegen, weil offensichtlich viele Texte von Deutschen (Pestalozzi, Fröbel) verfaßt wurden.

Mein Alltagstrott findet sich also schön langsam ein. In der Früh gehe ich auf die Uni, ein bis zwei mal diskutiere ich mit dem Professor über meine und seine Ideen. Ich beschäftige mich mit Materialermüdung und werde mir noch einige Kenntnisse zu diesem Thema, sowie zu finiten Elementen allgemein, aneignen müssen. Für Doktorstudenten gibt es zwei Büros, eines mit 6 und eines mit 2 Arbeitsplätzen. Ich teile mir das 2'er Büro mit einem Perser, im anderen Büro sitzen der Piefke, 2 Rumänen, ein Indonesier und eine Chinesin. Derzeit verbringe ich den Tag damit, meine Kenntnisse über Materialermüdung auszubauen, es gibt da sehr viele schlaue Bücher und eine Menge Papers und ich soll sie alle lesen.

Samstag ist eine International Student Party, bin schon gespannt, was es sonst noch so an Ausländern gibt in dieser schönen Gegend. Außerdem war ich letztes Wochenende Sushi essen, verschiedene Arten roher Fisch auf Reis. Octopus mag ich nicht, aber viele Sachen haben zwar wie roher Fisch geschmeckt, waren aber mit Sojasauce und so durchaus sehr schmackhaft. Zum Trinken gibt es hier Bier, Dose für 200 Yen oder chu-hai ein Reiswein-Fruchtsaft- Gemisch, das relativ gut schmeckt. Das Zeug bekommt man in Geschäften, die 24 Stunden offen haben, für Versorgung ist also immer gesorgt.

Bis zum nächsten Mal!

Gernot

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